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Ein Loblied auf die Fanzine-Kultur

aus dem Vorwort der Ausgabe 27 des Comic- und Literatur-Zines „Blut im Stuhl – aber zum Arzt geh ich nicht...“ vom März 2005

Es gab einmal Zeiten, da bildeten wir uns ein, unser Heft sei merkwürdiger als seine Umgebung. Vielleicht hat das schon damals nicht gestimmt – mittlerweile aber besteht kein Zweifel mehr: so absurd wie das Weltgeschehen im Großen und im Kleinen können wir gar nicht sein. Jeder unserer Witze wird von der Realität locker überholt. Aber – auf der anderen Seite – was schert uns das? „Blut im Stuhl“ bildet damit nach wie vor ein kleines Paralleluniversum, gleichgültig ob wir nun vor, hinter, über oder unter dem dahinschlingern, was die Wirklichkeit ist. Beziehungsweise: was als Wirklichkeit gilt! Parallelwelt hin oder her – auch „Blut im Stuhl“ ist Wirklichkeit, und zwar eine schönere Wirklichkeit als die rechnerische, (scheinbar) pragmatische, wo alles „Sinn machen“ muß, wo der Mittelstand unterstützt und die Lohnnebenkosten gesenkt sowie die Menschen flexibler und leistungsbereiter gemacht werden müssen.

Und das Tolle ist: in dieser Wirklichkeit, in der wir bestimmen, die wir bauen, gibt es zig andere kleine Welten, zig andere Fanzines, die ebenfalls an dieser Wirklichkeit bauen. Ihr müßt diese Welten nur suchen und erforschen. Und nicht nur das: nein, an jeder dieser Welten könnt Ihr mitbauen. Jeder Fanzinemacher freut sich über Beiträge, aber auch über Lob und Kritik, über Resonanz.

Diese Wirklichkeit ist so schön, weil sie zwar nicht ohne kommerzielle Zwänge funktioniert, aber eben nicht von diesen bestimmt wird! „Non-Profit“ heißt es auf Denglish.

Kein Profit – nichts Zählbares kommt heraus bei den Aktivitäten Tausender Herausgeber, Dichter, Autoren, Zeichner, Fotographen, Übersetzer. Ein Irrsinn für Leute wie Henkel, Clement, Ackermann, Koch, Rogowski und wie alle diese Untoten aus der „echten Wirklichkeit“ auch heißen mögen.

Kein Profit – und doch Profit: die Freude am Schaffen, andere Menschen kennenlernen, das Gefühl der Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, das Fehlen von Filtern und Zensur.

Jeder von Euch hat die freie Wahl, ob er sich im Kino den neuesten idiotischen Comedy-Streifen anschaut, sich mit dem Rotz im Fernsehen zudröhnen läßt, überteuerte Charts-CDs kauft – oder aber für viel weniger Geld die Veröffentlichungen aus dem, was man unter dem Begriff „Underground“ zusammenfaßt. Und jeder von Euch hat die freie Wahl, diesen „Underground“ mitzugestalten.

Der Underground bleibt so lange Underground, wie er nur von einer Minderheit getragen wird.

Was aber wäre, wenn plötzlich niemand mehr sich für die neue „Harald Schmidt“-Show interessieren würde? Wenn man gar nicht mehr wüßte, um wieviel Uhr „TV Total“ kommt, auf welchem Knopf der Fernbedienung „Sat1“ liegt? Wenn man Konzerte, die mehr als 7 Euro Eintritt kosten, gar nicht mehr besucht?

Kein Profit – das heißt, sich wieder als Menschen zu entdecken und zumindest teilweise zurückzuerobern. Nicht nur in der Kunst. Unser Autor tagore beispielsweise konnte für diese BiS-Ausgabe keinen Text beisteuern, weil er sich neben der Schule aktiv bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert und dafür einen großen Teil seiner Freizeit „opfert“. Auch das ist „Non-Profit“!

Tut Dinge, die Euch interessieren! Die Ihr tun wollt! Entdeckt Euch selbst!

Und: bildet Netzwerke! Lernt andere Aktive kennen! Organisiert Euch selbst!

Erobert einen Teil von Euch selbst zurück – vielleicht könnt Ihr dann, mit viel Geduld, einen Teil der „echten Wirklichkeit“ zurückerobern!