fanzine-index.de Verzeichnis deutschsprachiger Fanzines

Fragen an Andreas Alt

Die fanzine-index.de-Fragestunde, März 2007

Den Fragebogen von Andreas Dölling (AD) von fanzine-index.de bekam dieses Mal Andreas Alt (AA) zugeschickt. Andreas Alt gibt das Comic-Fanzine „PLOP“ heraus. Es erscheint bereits seit 1981 und ist damit eines der ältesten, wenn nicht das älteste deutsche Comic-Fanzine. Im Laufe der Zeit haben sogar einige der Zeichner, die in „PLOP“ ihre ersten Werke veröffentlichten, den Sprung in die etablierten Medien geschafft.

AD: Andreas, Du hast „PLOP“ von der Gründerin Heike Annacker übernommen und führst es nun als Herausgeber weiter. Wie kam es dazu? Was hat Dich dazu bewegt, Dir diesen Streß anzutun?
AA: Heike Anacker hat PLOP 1981 gegründet und bis 1987 insgesamt 27 Ausgaben herausgebracht. In dieser Zeit ist das Magazin einigen Leuten so sehr ans Herz gewachsen, dass es einen kollektiven Aufschrei gab, als sie aufhörte. Obwohl er sein eigenes Fanzine "Lippe" hatte, hat sich dann Andreas Anger bereiterklärt, eine Interimsausgabe zu machen. Dann wurde ein Newcomer gefunden, Bernhard Bollen, der weitermachte. Als er Ende 1993 die Brocken hinwarf, hieß es erneut: "PLOP darf nicht sterben!" Ich habe das Heft dann aus genau dieser Motivation heraus übernommen. Etwas seltsam war, dass sich ein paar Leute bei einer PLOP-Party schon auf mich geeinigt hatten, bevor ich überhaupt gefragt wurde, aber ihr Kalkül, dass ich schon nicht ablehnen würde, ist aufgegangen...
PLOP AD: Deutschland gilt als Comic-Entwicklungsland, denn im Gegensatz etwa zu zu Belgien, Frankreich oder den USA werden hierzulande Comics noch immer pauschal als Kinderkram oder Schund abgetan. Erreichst Du in solch einer Umgebung überhaupt andere Leser außer denen, die selbst Comics zeichnen? Versuchst Du, andere Menschen für das Medium Comic zu interessieren? Und wie?
AA: Heike Anacker hat, wie sie mir mal sagte, genau deshalb PLOP gegründet, weil sie die Idee, dass Comics Kunst sind, unter die Leute bringen wollte. Sie findet übrigens, dass das heute nicht mehr notwendig ist. Ich persönlich denke, dass man die Fanzine-Szene vom "richtigen" Comicmarkt unterscheiden muß. Leute, die selbst Comics zeichnen, auch wenn das vielleicht erstmal nicht so gut aussieht, haben wenig gemein mit der Mehrheit der Micky-Maus-, Superhelden- oder auch Mangafans (wobei ich die nicht abwerten will). Deshalb ist es normal, dass die meisten PLOP-Leser selbst Comics zeichnen - sonst würden sie PLOP wahrscheinlich auch nicht lesen. Dennoch gibt es eine Minderheit von PLOP-Lesern, die nicht Comics zeichnen und offenbar eine Vorliebe für etwas schräge Sachen oder vielleicht auch den individuellen Ausdruck in nichtkommerziellen Comics haben. Ich verfolge keine besonderen Strategien, um neue Lesergruppen zu erschließen.
AD: „PLOP“ ist das älteste deutsche Comic-Fanzine, und einige mittlerweile sehr erfolgreiche Zeichner wie etwa Walter Moers haben hier früher veröffentlicht. Kann man „PLOP“ als Sprungbrett für junge Talente sehen? Welche Möglichkeiten hat „PLOP“, junge Zeichnerinnen und Zeichner zu unterstützen? Hast Du einen Draht zu den etablierten Verlagen?
AA: PLOP ist insofern Sprungbrett, als es einigen Mitarbeitern gelungen ist, in den Profibereich vorzudringen. Man könnte auch Martin Frei, Kim Schmidt, Haggi Klotzbücher oder Dirk Tonn nennen (eine vollständige Liste kann ich auf Anhieb nicht liefern). Aber "Sprungbrett" bedeutet auf keinen Fall einen irgendgearteten Automatismus. Als ich zum 25-jährigen Jubiläum mit etlichen Zeichnern Kontakt aufnahm, die ich zwischen 1986 und 2002 interviewt habe, stellte sich heraus, dass einige von ihnen das Zeichnen inzwischen aufgegeben haben. Walter Moers ist ein interessanter Fall. Wie Heike erzählte, traf sie ihn in einer Mönchengladbacher Kneipe und ermutigte ihn zur Veröffentlichung - er war sehr unsicher. Ohne PLOP wäre uns vielleicht ein genialer Comiczeichner verlorengegangen. Aber zwischen PLOP und dem Eichborn-Verlag muß es natürlich einige Zwischenstationen gegeben haben. Zu etablierten Verlagen bestehen nur informelle Kontakte. Carlsen-Redakteur Michael Groenewald zum Beispiel kennt PLOP gut. Aber ich kann keine Zeichner an Carlsen empfehlen.
AD: Gibt es gemeinschaftliche Aktivitäten der „PLOP“-Crew über das Fanzine hinaus, beispielsweise Ausstellungen oder Workshops?
AA: Diese Frage muß ich verneinen. Im großen und ganzen gibt es keine PLOP-Crew. Ein paar Leute helfen mir beim Rezensieren. Die Jubiläumsausgabe # 50 habe ich einmal in einer Redaktionssitzung mit Heike Anacker, Joachim Guhde ("Sprühende Phantasie") und Mille Möller (später "Schwarzer Turm") zusammengestellt. Wir verabschiedeten uns zwar wie üblich mit den Worten: "Das müssen wir unbedingt mal wieder machen", aber das Treffen war ein ziemlicher Aufwand und ist dann doch nicht noch mal wiederholt worden.
AD: Warum gibt es „PLOP“ eigentlich noch in Papierform? Wäre es nicht viel bequemer und kostengünstiger, die Inhalte im Internet zu publizieren?
Ein elektronisches PLOP wäre nicht mehr das traditionelle PLOP, und ich bin ja der Bewahrer der Heike-Tradition. Ab der nächsten Ausgabe will ich immerhin die Druckvorlagen in Dateiform abliefern - bisher habe ich das althergebrachte Schnipsellayout verwendet. Und es gibt eine ziemlich umfangreiche PLOP-Website, die Andy Bleck in Form eines Archivs aufgebaut hat (ist allerdings im Moment nicht ganz aktuell): bugpowder.com/andy/plop.html.
AD: Nach meinem Eindruck überwiegen bei „PLOP“ eher „Funnies“, also komische Comics, und stilistisch ähnlich gelagerte Comics über das Alltagsleben. Ist das eine bewußte Auswahl Deinerseits? Oder sind ernste, düstere, groteske, harte und/oder experimentelle Comics im Moment einfach nicht so angesagt?
Ich wähle aus den eingesandten Comics natürlich aus, aber wahrscheinlich anders als andere Fanzine-Herausgeber. Ob mir die jeweiligen Comics gefallen, spielt auf jeden Fall eine Rolle, aber bevorzugt veröffentlicht werden zunächst mal neue Leute - unabhängig davon, ob ich deren Werke nun für Spitzenklasse oder völlig stümperhaft halte. Und ich sehe es dann auch gern, wenn Leute, die einmal veröffentlicht worden sind, sich ermutigt sehen und nach und nach bessere Sachen schicken. Das kommt allerdings nach meiner Beobachtung heute wesentlich seltener vor als früher. Bei ein paar Leuten sehe ich, dass die dann zu anderen Publikationen weitergehen (die sie teilweise über die Rezensionen in PLOP finden), manche scheinen aber auch nach einem Versuch wieder aufzugeben. Im übrigen gilt bei PLOP natürlich das allgemeine Veröffentlichungskriterium: Nichts politisch Radikales und nichts, was gegen den guten Geschmack verstößt. Warum Funnies in PLOP überwiegen, weiß ich nicht (denke aber, es stimmt). Mit meinem persönlichen Geschmack hat das nichts zu tun (siehe Frage 11). Jemand sagte mir mal, Funnies zu zeichnen sei einfacher als realistisch.
AD: Durch die Manga-Welle sind auch in Deutschland in den letzten Jahren viele Mädchen und Frauen nicht nur begeisterte Comic-Leserinnen geworden, sondern greifen immer öfter selbst zum Zeichenzeug. Wie hoch ist denn die „Frauenquote“ bei „PLOP“?
Ich habe da keine Zahlen, aber Comiczeichnerinnen sind in PLOP klar in der Minderheit. Zumindest gibt es sie. Von der Manga-Welle bekomme ich nicht so viel mit. Zu PLOP stoßen zwar auch immer wieder junge Leute, und manche von ihnen sind sichtbar Manga-beeinflußt, aber das Gros der Mangafans dürfte sich bei neuen, darauf zugeschnittenen Fanzines oder auch E-Zines tummeln. Da merkt man PLOP sein Alter dann doch an.
AD: Du schreibst in der Info zu „PLOP“, daß Du den Zeichnern keine Hürden in den Weg stellen möchtest. Gibt es trotzdem Fälle, in denen Du Werke ablehnst? Ich tue mich immer sehr schwer damit, Leuten, die Beiträge für mein Fanzine schicken, abzusagen. Wie machst Du das? Wie reagieren die Leute?
Zunächst mal kommen die meisten neuen Zeichner durch Empfehlungen von anderen Fanzine-Herausgebern zu PLOP. Die sagen dann in der Regel so was wie: "In PLOP passen Deine Sachen besser rein als bei mir." Die haben damit schon mal eine, immerhin elegant formulierte Absage hinter sich. Ich bemühe mich, jedem Newcomer erstmal zu schreiben, was ich von seinen Arbeiten halte. Ich bemühe mich dabei, ehrlich, aber nicht verletzend zu sein. Ich habe dann das Prinzip, keinem Zeichner eine Zusage zu geben, ob oder wann ich seinen Comic oder seine Illustration veröffentliche. Das heißt, Absagen gibt es in der Regel nicht (es sei denn, der Comic scheitert von vorneherein aus formalen Gründen - etwa, wenn er zu lang ist). Es beschwert sich auch kaum jemand darüber, dass sein Comic nicht veröffentlicht wurde - PLOP erscheint ja ohnehin nur dreimal im Jahr.
AD: Ist „PLOP“ Kunst? Und hat „PLOP“ eine Mission?
PLOP ist eine Publikation, wenn auch eine nicht sehr professionelle (hat nicht mal eine ISSN). Kunst sind höchstens die einzelnen Beiträge, aber da fehlt mir der Abstand, um das zu beurteilen. Die ursprüngliche Mission von PLOP habe ich in Frage 2 schon erwähnt und auch meine Mission: "PLOP darf nicht sterben!" Das gilt natürlich nur, solange es Leute gibt, die PLOP lesen möchten. Derzeit sind das um die 100.
AD: Bleibt Dir selbst neben all der Mühe, die so ein Zine erfordert (Korrespondenzen, Redaktion, Layouten, Versand, ...), überhaupt Zeit, selbst noch Comics zu zeichnen?
Die Herausgabe von PLOP ist in der Tat für einen Einzelkämpfer eine Menge Aufwand. Ich begrenze sie, indem ich konsequent nur drei Ausgaben pro Jahr mache (damit begrenze ich auch den finanziellen Einsatz, denn PLOP ist ein Draufzahlgeschäft). PLOP ist bewusst nur eine Nebenbeschäftigung. Wichtiger sind letztlich doch mein Beruf und auch mein Engagement in einer christlichen Gemeinde. Ich zeichne allerdings nebenbei noch einen Comic für die Obdachlosenzeitschrift "Riss" sowie einen für das Mitteilungsblatt dieser Gemeinde.
AD: Wer sind Deine Lieblings-Comiczeichner?
Die Antwort gibt zugleich Auskunft über meine Lieblingscomics: Gene Colan, Neal Adams, Michael Golden, Will Eisner, Robert Crumb, Alexis, Jean-Claude Mezieres, Maurice Tillieux, Hermann, Fernando Tacconi, Jordi Bernet. (PLOP-Zeichner nenne ich aus Fairnessgründen nicht.)