Fragen an Jenz
Die fanzine-index.de-Fragestunde, April 2007
Im April ging der Fragebogen von fanzine-index.de-Macher Andreas Dölling (AD) an Jenz Dieckmann (JD). Jenz Dieckmann ist Herausgeber des „INSIDE artzine“, das seit 1990 in unregelmäßigen Abständen erscheint. Dieses Fanzine dreht sich hauptsächlich um Grafik und Comics und allgemein um Untergrund-Kunst und hat mittlerweile ein internationales Netzwerk von Künstlern um sich geschart.
(Hinweis: Alle Rechte an diesem Interview liegen bei Andreas Dölling und Jenz Dieckmann.)
- AD: Jenz, warum gibst Du ein Fanzine heraus? Oder genauer: warum gibst Du dieses Fanzine heraus?
- JD: Ich denke mal, da gibt es viele Gründe. So einen zentralen Beweggrund wie z.B. „die Welt retten“ gibt’s da nicht, hätte ja auch nicht viel Sinn, da die Welt eh am Arsch ist. Wichtig ist wohl der Spaß am Gestalten, die Kunst von vielen begnadet talentierten Menschen in ein passendes Ambiente zu gießen, ohne dass die sich gegenseitig totschlagen, sondern am Ende einen Frontalzusammenstoß mit einem 20-Tonner ergeben. Und ich bin neugierig.
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AD: Wie ist es zu der internationalen Ausrichtung von INSIDE gekommen? War es von Anfang an dein Plan, mit deinem Heft die Landesgrenzen zu durchbrechen?
- JD: Nein, kein Plan. Niemals. In den ersten Heften kannte ich noch alle Beteiligten persönlich. Freunde, Bekannte und so schräge Typen, die man halt so vom Sehen kannte, die immer alleine saßen, nie geredet haben, furchtbar hässlich waren und den ganzen Tag nichts anderes taten, als alles voll zu zeichnen, was ihnen unter die Finger kam. Ich vermute mal, dass diese Beschreibung heute auch noch auf die meisten Beteiligten zutrifft, nur dass sie halt heute auf dem ganzen Planeten verstreut sind. Das ist über die Jahre gewachsen. Eigentlich macht es auch keinen Unterschied, wo die einzelnen Künstler herkommen. Australier produzieren genauso durchgeknalltes Zeugs wie Amerikaner oder Italiener oder Menschen aus Wiesbaden. Ist doch auch irgendwie beruhigend, oder?!
- AD: Bist Du der alleinige Chef bei INSIDE oder steht hinter diesem Heft ein Kollektiv gleichberechtigter Entscheider und Macher?
- JD: Das INSIDE artzine ist eine One-Man-Army. Wenn ich in Emails immer von wir rede, mache ich das nur um größer und wichtiger zu erscheinen. Viel Arbeit aber keine Kompromisse.
- AD: INSIDE trägt den Untertitel „artzine“. Kunst also - bunte Bilder zum Bestaunen oder mehr? Ich meine, vielleicht wäre es ja auch vollkommen in Ordnung, nicht jedes Stück Kunst mit einer Botschaft befrachten zu wollen?
- JD: Yep, das ist eine Frage, die ich schon nächtelang mit jungen Kunststudentinnen bei mehreren Flaschen Absinth diskutiert habe. Reicht es, wenn Kunst einfach nur „schön“ ist (im Sinne von, „das guckt man sich gerne an“) oder erhöht eine bestimmte Aussage im Bild den rein optischen Genuss eines Bildes?! Verändert sich das Abbild der gemalten Blume, wenn man weiß, dass sie auf einem Massengrab wächst?! Ich persönlich lasse nur selten die Gelegenheit aus, einem Bild eine Aussage abzuzwingen.
- AD: Die Grafiken in der INSIDE, von denen Du bei fanzine-index.de ja einige Beispiele zeigst, sind wirklich beeindruckend und wirken absolut professionell. Sind die Künstler, die bei INSIDE mitarbeiten, Profis, die von ihrer Kunst leben? Wie hast Du diese Leute kennengelernt?
- JD: Das ist inzwischen eine echt spannende Mischung aus Vollprofis, Hobbykünstlern und Zwangskreativen geworden. Einige leben von ihrer Kunst und arbeiten für Plattenfirmen, Spielehersteller, Filmproduktionen, andere sind bestimmt in einem elenden Job als Sachbearbeiter und Ehemann gefangen und kritzeln sich nur heimlich nachts im Keller ihre Psychosen aus dem Hirn. Glücklicherweise kann man im Heft nicht mehr unterscheiden, wer jetzt der Profi ist und wer das ganze nur macht, um nicht verrückt zu werden.
Um gute Kontakte muss man sich kümmern. Dass irre Künstler bei mir anklingeln und mir ihre Meisterwerke unter Prügel aufdrängen, ist eher selten. In der Regel mail ich Leute an, deren Sachen mir gefallen, erkläre ihnen, was wir machen und entweder ist der/die dann angefixt oder wir ziehen einfach getrennt weiter unserer Wege bis zur völligen Wiederauflösung in der Ursuppe. Geld bekommt übrigens keiner. - AD: Du greifst mit INSIDE sehr gerne kontroverse Themen auf (z.B. gab es eine Ausgabe mit dem Thema „Terrorismus“) und behandelst diese Themen dann konsequenterweise auch nicht unbedingt so, wie es „der gute Geschmack“ oder die „Political Correctness“ nahelegen. Sprich: einige Grafiken, Comics und Statements sind das, was man gemeinhin als „echt krass“ bezeichnet. Ist das reine Provokation und Attitüde – gewissermaßen als Marketing-Element? Oder steckt mehr dahinter? Und bist Du damit schon auf Widerspruch oder Anfeindungen gestoßen?
- JD: Provokation als Marketing-Element?! Du meinst wie SIDO oder George Bush?! Das wäre ein bisschen einfach. Es stimmt schon, dass die Grundsubstanz in dem urinalen Sammelbecken des entgleisten Geschmacks, bzw. dem INSIDE artzines, Provokation ist. Wobei „reine“ Provokation auch stimmt. Je reiner, desto besser. Man verletzt das, was du eben als „guten Geschmacks“ bezeichnet hast und träufelt dann sein Anliegen in die Wunde. Entscheidend ist allerdings, dass dann ein bestimmtes Ziel verfolgt wird. Wenn also im TERRORheft ein Auto frontal vor einen riesigen steifen Schwanz gecrasht ist, hat das ja neben der „Provokation“ der Abbildung auch eine Aussage im Bezug auf das Verhalten (männlicher) Verkehrsteilnehmer und deren Ergebnis. Richtig Ärger gab es noch nicht, obwohl ich mir sicher bin, dass ich eine Akte beim CIA hab, so oft wie ich Mails mit dem Wort TERROR nach Amiland geschickt habe. Der Sexismus-Vorwurf kommt noch am meisten, wobei es interessant ist, dass sich meistens Männer über zu viele nackte Frauen beschwerden. Dass sich Frauen über zu viele Schwänze im Heft beschweren, ist noch nicht vorgekommen.
- AD: Wie bringst Du Dein Fanzine unter die Leute? Es ist ja nun kein Heft, das man kostenlos auf Konzerten auslegt.
- JD: Hauptsächlich durch unsern äh... meinen Onlineshop und durch diverse Mailorder in Deutschland (Plastic Bomb, Suggestion Records, Rodneys Underground Press), Frankreich (La Petroleuse) und Amiland (Advocado, Quimby, Parcelpress...). Viele Hefte verkaufen sich auch auf gelegentlichen Ausstellungen (GALERIA ABSURDUM siehe auch Frage 9), wobei es da immer ein wenig anstrengend ist, da ich auch lieber feier, als hinterm Büchertisch zu stehen.
- AD: Was bedeutet für Dich „Untergrund“ im Zusammenhang mit Kunst? Ich habe ja manchmal den Eindruck, daß sich jeder dieses Label anheftet, der irgendwie „authentisch“ oder „hart“ herüberkommen möchte.
- JD: Den Begriff „Underground“ benutzt jeder, wie es ihm in den Kram passt. Ist jemand, der seine Bilder auch an Spielehersteller (wie z.B. Quake) verkauft, noch Underground?! Oder jemand, der schon mal ein Buchcover für Steven King gemacht hat?! „Underground“ im Zusammenhang mit dem INSIDE ist wohl die Art der Präsentation, da das Heft keinerlei Chefetagen, Bankensponsoring und/oder Verlagsbackground besitzt und auch nicht kommerziell ausgerichtet ist. „Authentisch“ vielleicht, da ja niemand extra fiese Bilder fürs INSIDE herstellt. Die Leute sind tatsächlich so kaputt. „Hart“ kann ich im Zusammenhang mit „Underground“ nicht entdecken. Wahrscheinlich ist es härter im „Overground“ mit seiner Kunst zu bestehen.
- AD: Gibt es auch Berührungen mit den etablierten Medien? Ich meine, allein schon von der grafischen Qualität der INSIDE her wäre es doch nicht abwegig, wenn es im Radio oder in der Presse schon Berichte darüber oder irgendwo eine Ausstellung mit Werken aus der INSIDE gegeben hätte.
- JD: Ich mach in unregelmäßigen Abständen Ausstellungen unter dem Titel GALERIA ABSURDUM (aktuelle Termine gibt es unter www.inside-artzine.de oder www.myspace.com/inside_artzine). Dort kommen Sachen aus dem INSIDE artzine (und auch andere) in A0-Ausdrucken an die Wand, angereichert mit Bands, Performern, Videoprojektionen, Lesungen. Alle Aktionen sind natürlich restlos verseucht durch den Gedanken des Durchgeknallten und unbedingt Abseitigen. Performer wie den GEGENPAPST, der seine blasphemischen Botschaften in Reimform, halbnackt und steppend (!) unters Partyvolk bringt, passen da schon sehr gut. Ich muss gestehen, ich schick meistens auch Freiexemplare an die „etablierten“ Medien wie Neon, Visions oder auch Rugged, aber eine Antwort aus den Chefetagen habe ich noch nie erhalten. Aber das muss ja nix heißen, die wischen sich doch eh mit allem den Arsch ab.
- AD: Welches sind die besten Momente, die Du als Fanzine-Macher erlebst?
- JD: Es wird ja immer behauptet, „wahre“ Kunst entsteht nur seiner selbst wegen und schert sich einen Dreck darum, wie andere sie finden. Ich empfinde es als sehr angenehm, wenn mir Menschen sagen, dass sie das gut finden, was ich hier in endlosen, einsamen, drogenverseuchten Nachtschichten zusammenbastel. Wenn dann gnadenlos geile Künstler mir sagen, dass sie sich auf die nächste Ausgabe freuen, zaubert mir das ein zufriedenes Grinsen ins Gesicht.
- AD: Und welches sind die beschissensten?
- JD: Es gibt keine. Also rafft euch auf und macht ein Fanzine! Schneller kann man nicht mit Leuten ins Gespräch kommen, die sich auch noch für dein eigenes Lieblingsthema interessieren.