Fragen an das "Queesch"-Team
Die fanzine-index.de-Fragestunde, Mai 2007
Der Mai ist da, und damit ist es Zeit für ein weiteres fanzine-index.de-Interview. Dieses Mal löchert Andreas Dölling (AD) die Herausgeber des „Queesch magazine“ (Q) mit Fragen. „Queesch“ ist ein Fanzine aus Luxemburg. Es wird seit 2001 von einer Gruppe von Menschen verschiedener Nationalität herausgegeben und geht in zum Teil sehr ausführlichen und komplexen Beiträgen auf soziale, kulturelle und politische Themen in Luxemburg und Europa ein.
(Hinweis: Alle Rechte an diesem Interview liegen bei Andreas Dölling und der Redaktion von „Queesch“.)
- AD: Was bedeutet der Name „Queesch“?
- Q: Auf deutsch heisst das Wort "queesch" einfach „quer“.
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AD: Dem Impressum zufolge stehen hinter „Queesch“ eine ganze Reihe von Menschen und kulturellen bzw. sozialen Organisationen. Gibt es überhaupt so etwas wie eine Kernredaktion? Und ist es nicht schwer, so viele Beteiligte unter einen Hut zu bringen – zumindest, wenn es demokratisch zugehen soll (was allerdings nach meiner Erfahrung bei Projekten wie Fanzines nicht immer der produktivste Weg ist...)?
- Q: Es gibt mehr eine Kerngruppe, welche die Queesch verwaltet, als dass es eine Redaktion gibt. Diese Gruppe beeinflusst zwar massgebend den Inhalt, aber ist dabei sozusagen hauptsächlich ein Verknüpfungspunkt zwischen der Queesch und dem, was im sozialen, politischen und kulturellen Bereich läuft. Dies ändert aber auch regelmässig. In Luxemburg ist die Situation leider so, dass es nicht so viele Menschen gibt, die sich aktiv an solchen Projekten beteiligen. Diese Gruppen rundherum um die Queesch sind somit indirekt beteiligt, engagieren sich aber nicht soweit, dass es zu solch demokratischen Prozessen kommt. Wir bedauern das aber. Der Prozess ist umso wichtiger, und das Resultat ist nicht das Wichtigste und Einzige. Wir sind momentan dabei, uns neu zu organisieren und versuchen, das Queesch Kolletiv zu vergrössern.
- AD: Wie ist denn „Queesch“ überhaupt entstanden?
- Q: Im Infoladen waren einige Gruppen, und jede hatte ihren eigenen kleinen Newsletter oder Zeitung. Diese haben aber immer die gleichen Leute erreicht, welche eh schon das meiste wussten, was drin stand. Deshalb hat sich dann eine Arbeitsgruppe zusammengesetzt und die Kräfte gebündelt, um ein zwei Medien (Zeitschrift und Homepage) aufzubauen, die erstens eine Debatte unter den Gruppen stimulieren sollen und zweitens ein breiteres Publikum erreichen sollen.
- AD: „Queesch“ bietet Texte in vier verschiedenen Sprachen - auf Lëtzebuergesch (Luxemburgisch), Deutsch, Französisch und Englisch – und ist damit ein wahrhaft europäisches Fanzine. War das von Anfang an so geplant oder hat sich das irgendwann so ergeben?
- Q: Das ist einfach Realität in Luxemburg, und da wir die Queesch als Plattform sehen, in der Menschen sich ausdrücken können, ist es auch an ihnen, die Sprache zu wählen. Wir haben uns mit der Zeit nur immer mehr und mehr vorgenommen, die Texte zu übersetzen. Das ist aber nicht immer so einfach, Übersetzen ist ja auch eine Kunst für sich. Und es nimmt dann doppelt soviel Platz. Wir haben uns jetzt vorgenommen, die Hauptartikel in zwei Sprachen zu veröffentlichen, und versuchen weitere Übersetzungen auf dem Internet zu veröffentlichen.
- AD: Was ist denn die „Amtssprache“ bei euch? ;)
- Q: Folgende drei von den vier eben erwähnten: Lëtzebuergesch (Luxemburgisch), Deutsch, Französisch :)
- AD: Mich interessiert immer die Frage, inwieweit Fanzines Leute außerhalb der „Szene“, aus der sie kommen, erreichen. Besonders bei Heften mit starker politischer Ausrichtung wie der „Queesch“ ist dies interessant, denn bei vielen solchen Publikationen habe ich den Eindruck, daß sie über ihren vertrauten Dunstkreis hinaus nicht wirken können oder wollen. Trägt man politische Forderungen und Gedanken aber nur Gleichgesinnten vor, so wird das Ganze doch ein wenig redundant, ein bißchen masturbationsmäßig. Wie ist es bei euch? Wollt ihr mit „Queesch“ auch Leute jenseits der „Szene“ ansprechen? Schafft ihr das? Und wie sind gegebenenfalls die Reaktionen von außerhalb?
- Q: Die Szene ist in Luxemburg so klein, dass es schwer ist, innerhalb der Szene zu bleiben. Ausserdem haben wir erst seit kurzem eine Uni, was sich auch auf die Situation auswirkt. Die Queesch ist eher von 17/18-Jährigen lanciert worden und wird auch teilweise noch immer von der Alterssparte getragen und gelesen. Natürlich sind die Leser immer „a priori“ an diesen Themen interessiert und etwas kritischer als der „Mainstream“. Doch zur Szene, wie sie vielleicht in Deutschland gezählt wird, zähle ich das noch nicht. Aber ich glaube, dass jede „Szene“, jede „Strömung“ in einer Gesellschaft auch ihre Kommunikationsmittel braucht - und diese auch nicht immer für jeden sein müssen. So versteht sich die Queesch auch als Bindemittel in einer sozialen Bewegung. Aber eben nicht nur, sondern auch und vor allem als Eingangstür für „Nicht-Insider“ zu anderen Welten die nicht nur durch unbewussten Konsum von allerlei Produkten sowie kontrollierten und hierarchisierten Strukturen geprägt sind.
- AD: „Queesch“ wird ja vermutlich europaweit vertrieben. Wie macht ihr das? Habt ihr Verteiler in den verschiedenen Ländern?
- Q: Der Vertrieb der Queesch ist sowohl national als auch international in den Kinderschuhen und ein Stiefkind. Im Ausland wird die Queesch fast nicht verkauft und nur durch Abos und Presseverteiler vertrieben. Wenn also irgendjemand und dabei helfen kann, dann nur her mit den Ideen und der Tatkraft :) Wir denken halt auch immer, dass es sich nicht lohnt, solange nicht alle Texte übersetzt sind. Aber mittlerweile sind die Texte in so vielen Sprachen, dass für jeden etwas dabei ist. Und die CD mit 6 Liedern und Videos ist international verständlich. Wir sind also für jeden Kooperation/Austausch und Tips offen!
- AD: Wie arbeitet eure Redaktion? Im Gegensatz etwa zu einem Literatur- oder einem reinen Musikfanzine veröffentlicht ihr viele Artikel, die sehr komplexe Themen behandeln und nicht als Meinungsäußerung daherkommen, sondern eher als wissenschaftliche Erörterungen. Prüft ihr die darin behaupteten Fakten und die zitierten Quellen, was dann ja vermutlich eine Riesenarbeit wäre? Oder verlaßt ihr euch ganz auf die Autoren, zum Beispiel weil ihr sie kennt?
- Q: Wir arbeiten gar nicht :). Nein, für jede Ausgabe versammeln wir uns 2-4 mal, und ansonsten laufen die Absprachen zwischen Einzelnen im Kollektiv und über die Mailingliste. Die Texte werden alle auf eine Wikipedia-ähnliche Homepage gesetzt und da verarbeitet. Wir überprüfen nicht den Inhalt der Artikel, höchstens wenn uns etwas sehr komisch vorkommt.
- AD: Ich habe bei der Lektüre mancher Fanzines aus der „linken Szene“ den Eindruck, daß sich dort im Laufe der Zeit genau die Engstirnigkeit, der Konformismus und die Spießigkeit breitgemacht haben, die man ja bei den „Bürgerlichen“ so scharf kritisiert und der man ja ursprünglich etwas entgegensetzen wollte. Leichteste Abweichungen vom Verhaltenskodex (etwa scheinbar sexistische Formulierungen, gemäßigte oder gar abweichende Haltungen zu konkreten politischen Problemen, Kritik an der „Szene“) werden oft überraschend harsch angegriffen. Ich habe Debatten gelesen, in denen Fanziner darüber streiten, ob der andere nun links sei oder nicht. Wie sind eure Erfahrungen? Ihr kommt ja nun tagtäglich mit verschiedenen Menschen aus dem eher linken Spektrum zusammen und habt sicherlich auch Kontakt zu vielen entsprechenden Fanzines. Meint ihr nicht auch, daß oft viel Kraft auf Nebensächlichkeiten und Eitelkeiten verschwendet wird? Und wie versucht ihr gegebenenfalls dem entgegenzusteuern?
- Q: Wir haben damit mit der Queesch noch nicht zuviel zu tun gehabt. Wir hatten Debatten über Barcode, Myspace und Werbung, etc., welche mensch darauf reduzieren kann, aber ich finde, dass solange sie konstruktiv sind, sie sogar sehr wichtig sind, besonders innerhalb eines Kollektives, damit du auch weisst, was du und warum du etwas machst. Ich denke, Kritik ist wichtig, und sich gegenseitig in Frage zu stellen auch - es hängt halt immer davon ab, mit welchen Absichten es gemacht wird. Wenn es nur ums Ego geht und nicht darum geht, irgendwie weiterzukommen, dann ist es überflüssig. Aber die Einschätzung, wann es zuviel des Guten ist, ist auch oft subjektiv...
- AD: Neben dem gedruckten Heft bietet ihr auch eine Plattform im Internet, wo ihr versucht, eure Leser zum Mitmachen zu animieren, zum Beispiel in eurem Diskussionsforum. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, daß es extrem schwierig ist, die Leute dazu zu bewegen, sich aktiv mit Beiträgen an einem Projekt – sei es print- oder webbasiert – zu beteiligen, und sie dann auch langfristig bei der Stange zu halten. Wie sind eure Erfahrungen?
- Q: Auf der Queesch-Homepage funktioniert es bisher nicht. Dies hat aber auch damit zu tun, dass unser "Webcodes"-System nie richtig funktioniert hat (jeder Artikel hatte einen Code, und durch Eintippen des Codes sollte mensch den Artikel sofort auf der Seite finden und auch seine Kommentare abgeben können). Auf der alten www.infoladen.lu-Seite hat das aber sehr gut geklappt. Indymedia.lu übernimmt jetzt diese Funktion, und da fängt der Meinungsaustausch langsam aber sicher an. In den nächsten Monaten versuchen wir unsere Homepage neu zu gestalten und alle Artikel da zu publizieren und so auch kommentierbar zu machen.
- AD: Ihr seid zur Zeit bei fanzine-index.de das einzige Fanzine aus Luxemburg (was natürlich auch daran liegen könnte, daß wir ja nur deutschsprachige Publikationen aufführen). Wie sieht es denn in Luxemburg mit Fanzines aus?
- Q: Es gibt keine Fanzines mehr. Vor 10-20 Jahren gab es mehrere, doch momentan kennen wir keine hier. Es gab mal hier eine Ausgabe und da eine Ausgabe, aber allgemein ist hier Flaute in dem Bereich. Das meiste geschieht auch auf dem Internet.
- AD: Fällt euch zum Schluß noch etwas ein, das ihr loswerden möchtet?
- Q: Beiträge in irgendeiner Weise sind immer willkommen. Das können Artikel, Songs für die CD, gegenseitiger Austausch zwischen Fanzines (Abo, Reviews, Anzeigen), Vertrieb, etc sein. Wir haben auch vor, früher oder später einen internationalen Medienaustausch zu organisieren mit Workshops. Nicht nur schriftliche Medien, sondern auch audio-visuelle. Das kann so eine Art Camp werden von 1-2 Wochen mit Leuten aus ganz Europa. Wenn also jemand interessiert ist, dann einfach melden bei uns!