Fragen an Dr. Trockendock vom „Kosmischen Penis“
Die fanzine-index.de-Fragestunde, Juli 2007
Dr. Tütensuppe gibt ein Fanzine mit dem schönen Namen „Der Kosmische Penis“ heraus – und das schon seit zwanzig Jahren! „Der Kosmische Penis“ läßt sich schwer in eine Schublade wie Musik-Zine oder Literatur-Zine packen, denn in ihm finden sich sowohl Konzertberichte und Plattenbesprechungen als auch Kurzgeschichten, Comics, Cartoons, Reportagen und atemberaubende Enthüllungsberichte aus der Schweinfurter Punk- und Alternativ-Gesellschaft.
(Hinweis: Alle Rechte an diesem Interview liegen bei Andreas Dölling und Gerald J. Günther alias Dr. Trockendock.)
- AD: Wie kommt der „Kosmische Penis“ - oder vielmehr „Der Kosmische Penis – Das Organ der freien Jugend“ - zu seinem Namen? Deine Idee?
- DT: Ja, die Idee kommt von mir. Geburtsstätte des kosmischen PENIS war unser damaliges Jugendzentrum namens Cosmodrom 2000, also lag „kosmisch“ nahe. Und „Penis“ ist einfach ein schönes Wort, fällt auf, läßt sich leicht merken. Plupps, und schon hatten wir´s!
- AD: „Der Kosmische Penis“ ist zwar in der Schweinfurter Punk-“Szene“ verwurzelt, kommt aber nicht wie ein Punk-Zine rüber. Wie würdest du denn den „Penis“ beschreiben?
- DT: Ja, der PENIS ist entstanden in der Schweinfurter „Underground“-Szene und immer noch da verwurzelt, und die ist nun mal sehr punkorientiert. Aber der PENIS ist vielmehr ein Magazin für alles: Geschichten, Comics, lustige Zeitungsausschnitte, Reiseberichte, Tratsch und Klatsch, Satire und natürlich auch viel über Musik. Musik, die rockt.
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AD: Der „Penis“ feierte kürzlich ein für ein Fanzine ziemlich beeindruckendes Jubiläum: das 20-jährige Bestehen. Glückwunsch! Was habt ihr denn zu diesem Anlaß gemacht? Habt ihr vielleicht auch versucht, einige der Leute, die im Laufe der Zeit den „Penis“ mitgestaltet haben, wieder zusammenzutrommeln?
- DT: Wir haben eine nette Party gegeben, mit Band, Lesung von unserer langjährigen Erotik-Kolumnistin Barabara Splieth, penialen Kurzfilmen und Disco bis zum Morgen. Zu der Feier haben wir natürlich auch die eingeladen, die mit dem Heft verbunden sind/waren, falls wir noch wußten, wo er/sie steckt. Und ein paar waren auch da. War eine sehr schöne Feier!
- AD: Bei einem zwanzig Jahre alten Heft, dessen Herausgeber mitgealtert sind, besteht ja die Gefahr, daß man irgendwann nicht mehr die jüngeren Leser und die damit potentielle nächste Autorengeneration erreicht, während die alten Stammleser sich nach und nach neuen und plötzlich wichtigeren Dingen zuwenden. Und irgendwann macht man das Heft dann nur noch für sich selbst und ein paar andere Fanziner, mit denen man Hefte tauscht. Wie ist das bei euch?
- DT: Ja, das ist tatsächlich eine Entwicklung, die uns auch allmählich betrifft. Zum Glück sind wir selber immer noch viel in der „Szene“ unterwegs und können über Sachen schreiben, die auch den Nachwuchs interessieren. Wir sind immer auf der Suche nach jungen Mitarbeitern. Aber die sind leider ziemlich träge und da kommt nur wenig. Noch reicht unsere Leserschaft von den Alten bis zu den Jungen. Die interessieren sich vor allem über ihr Auftauchen in der Klatschspalte „Küsse und Schlüsse“, wo über ihre letzten Knutschereien berichtet wird.
- AD: Der „Kosmische Penis“ ist aus meiner Sicht unter anderem deshalb außergewöhnlich, weil er eine starke regionale Ausrichtung hat und zumindest in Schweinfurt schon eine regelrechte Institution darzustellen scheint. Dazu beigetragen haben sicher eure Aktionen über das Heft hinaus, vor allem der alljährlich stattfindende „Grand Prix de Penivision“! Beschreibe doch mal, was es damit auf sich hat!
- DT: Der Grand Prix de la Chanson de Penivision ist seit siebzehn Jahren unser schräger Liedermacherwettbewerb im Schweinfurter Stattbahnhof. Inzwischen müßte er ja eigentlich in „Penivision Song Contest“ umbenannt werden. Dabei treten zwischen 14 und 20 Songwriter und Selbstdarsteller auf, die je ein Stück vortragen dürfen (max. 5 Minuten lang) und hoffen, damit den großen GOLDENEN PENIS zu erringen. Das Publikum stimmt ab, wer am besten war. Dabei haben lustige und originelle Auftritte natürlich bessere Chancen. Neben dem Hauptpreis gibt es Penis-Trophäen aus Pappmaschee in immer kleiner werdenden Größen - vom silbernen über den hautfarbenen Penis bis hin zum winzigen grauen Penischen. Manchmal ist es genial, manchmal auch nur peinlich. Aber unterhaltam immer. Auch der Bayerische Rundfunk hat schon mehrmals davon berichtet, einmal sogar live.
- AD: Gut am „Kosmischen Penis“ finde ich persönlich auch, daß ihr euch - solange ich das Heft lese – nie irgendwelche ideologischen Scheuklappen aufgesetzt habt. Ihr kommt locker und schnoddrig rüber, aber nicht oberflächlich und auch nicht gänzlich unpolitisch. Dennoch habt ihr ja im Laufe der Zeit nicht nur Freunde gefunden. Erzähl mal!
- DT: Ja, vor allem unsere Klatsch- und Tratsch-Seiten sorgen immer wieder für gehörig Aufregung. Nicht jeder möchte mit seinen sexuellen oder alkoholbedingten Eskapaden mit vollem Namen da erscheinen. Drohungen mit Prügeln und Rechtsanwälten sind da fast an der Tagesordnung. Aber am meisten Streß gab es vor 10 Jahren monatelang mit der lokalen sogenannten Antifa, die entschied, daß der PENIS frauenfeindlich, sexistisch, schwulenfeindlich und überhaupt schlimm wäre, und beispielsweise mehrmals mein Fahrrad demolierte und PENIS-Hefte öffentlich verbrannte (!). Eigentlich bescheuert, schließlich sehen wir uns ja auch eher im linken Spektrum beheimatet. Aber da waren sie, die ideologischen Scheuklappen. Nachweisen konnten sie ihre Vorwürfe nie, und mittlerweile haben sie sich auch aufgelöst. Der PENIS hat sie überlebt. Im Nachhinein möchte ich vermuten, daß ein Bericht über ...s [Name der Dame von AD anonymisiert] Partyaktivitäten, bei der sie „das ganze Kamasutra durchgeturnt“ hat (Originalzitat aus der damaligen Ausgabe), der wirkliche Grund für die Eskalationen war.
- AD: Würdest du sagen, daß sich die Fanzine-„Szene“ in den zwanzig Jahren, seit du dabei bist, verändert hat? Wenn ja, inwiefern?
- DT: Oh je, da weiß ich mittlerweile zu wenig drüber! Ich komme kaum noch zum Lesen anderer Hefte. Es ist auf jeden Fall schwieriger geworden, Leute zu finden, die sowas machen und sowas kaufen. Alle sind so übersättigt von Medien.
- AD: Hast du in dieser langen Zeit, die du das Heft nun herausgibst, auch schon mal ans Aufhören gedacht? Und was hat den Ausschlag fürs Weitermachen gegeben?
- DT: Solange es immer noch Käufer gibt und treue Abonnenten und lustige Geschichten, machen wir weiter!
- AD: Es gibt ja Leute, die sagen: „Ich schreibe/zeichne nur für mich selbst.“ Was war/ist für dich der Beweggrund, mit einem Fanzine die Öffentlichkeit zu suchen? Das Bedürfnis, etwas mitzuteilen? Geltungsdrang (ich frage das, weil ich selbst früher unbedingt berühmt werden wollte)? Politische Beweggründe? Spaß? Kleinstadtbedingte Depression?
- DT: Hm, eine schwierige Frage. Der Ursprungsgedanke war eigentlich, ein Forum für die damals sehr lebendige Szene in Schweinfurt zu schaffen. Jeder sollte was beitragen (taten aber nur wenige) und das sollte alles noch besser zusammenhalten. Inzwischen ist es wohl überwiegend Spaß. Berühmt werden wollten wir auch mal, aber trotzdem kopieren wir immer noch schwarzweiß...
- AD: Ich las letztens, daß irgendeine Studie ergeben habe, daß Männer in unserer Gesellschaft immer später „erwachsen“ werden. Ist einer, der mit weit über 30 noch ein Fanzine herausgibt, noch dazu eines, das so mancher sicher als pubertär abqualifizieren würde, so ein „Unerwachsener“?
- DT: Ja, unbedingt! Ich habe Krummelus-Pillen gegessen (siehe Pippi Langstrumpf, letzte Seiten).
- AD: Du selbst verwendest stets Pseudonyme, die mit „Dr. T...“ beginnen. Fallen dir da überhaupt noch neue Varianten ein? Du hast jetzt die einmalige Chance, die Millionen Leser dieses Interviews zu bitten, dir mit Ideen unter die Arme zu greifen!
- DT: Oh ja, bitte, macht mir Vorschläge! Manchmal wiederholt man sich schon, nach so vielen Jahren!
- AD: Hast du als Herausgeber des „Organs der freien Jugend“ zum Schluß noch eine Botschaft an ebendiese Jugend?
- DT: Die Botschaft ist so simpel und unoriginell wie möglich: Abonniert den kosmischen PENIS!