Fragen an Krzysztof von „AntiEverything“
Die fanzine-index.de-Fragestunde, September 2007
Aus Berlin kommt ein Fanzine namens „AntiEverything“, das vor ein paar Wochen in der aktuellen Ausgabe #6666 erschienen ist. Einordnen läßt sich das Heft schwer – ist es ein Literatur-Fanzine? Ist es politisch? Ist es ein Punk-Zine? Ist es eine Persiflage? Oder wie? In der Selbstbeschreibung heißt es, dieses Zine sei „von unbändigem Hass auf die gesamte Gesellschaft [getrieben]“. Der Herausgeber Krzysztof spricht von „neonihilistisch“. Fragen wir ihn doch einfach einmal!
(Hinweis: Alle Rechte an diesem Interview liegen bei Andreas Dölling [AD] und Krzysztof Wrath [KW].)
- AD: …
- KW: Na, dann mal los. (Öffnet eine Flasche Bier mit dem Feuerzeug – plop!)
- AD: Beschreibe AntiEverything doch einmal ganz kurz selbst!
- KW: AntiEverything ist eine Art Underground-Lifestyleprodukt mit Wurzeln in der Berliner Punkrockszene. Als Frontblatt der neonihilistischen Bewegung begreift es sich als Teil ihres revolutionären Kampfes im Sinne der neonihilistischen Internationale. Selbstverständlich dient es auch dazu, mir persönlich Ruhm, Reichtum und Sexualpartner zu verschaffen.
- AD: Was hat dich dazu gebracht, ein Fanzine bzw. dieses Fanzine herauszugeben?
-
DT: 1999 war ich als rotznäsiger Nachwuchspunkrocker ziemlich angepisst von vielen Dingen. Der Versuch, mit einigen Saufkumpanen eine Band zu gründen, um den ganzen Hass auszuposaunen, scheiterte kläglich.
Mit dem Schreiben klappte das schon besser. Der Name stand recht schnell fest, da produzierten ein Kumpel und ich schon mal die Aufnäher und verteilten sie. Hunderte Punks rannten bereits mit AntiEverything-Aufnähern in der Gegend rum, ohne zu ahnen, worauf sie sich da einließen …
Christian (Sänger der Strohsäcke und Attack-Records-Boss) hatte damals Langeweile und wir produzierten die erste Ausgabe zusammen. Ein befreundeter Drucker schob das Heft in der Mittagspause unbemerkt vom Chef durch die Offsetmaschine, so kamen wir von Anfang an im fetten Hochglanzstyle daher - und zwar gratis. So war das damals, Kinder. Diese Epoche war von wüsten Gewaltexzessen und Orgien der Protagonisten geprägt und sollte später als „Kampfzeit“ in die AntiEverything-Mythologie eingehen (siehe www.antieverything.de).
Die fiktionalen Geschichten begannen aber erst in Ausgabe #2, die ich gemeinsam mit Scrima nach zweijähriger Pause produzierte. - AD: AntiEverything besticht durch wirklich hervorragendes Design, großartige Zeichnungen und gute Texte. Das wirkt sehr professionell. Wie kriegst du das hin? Wieviele Leute arbeiten an so einer Ausgabe und wie lange dauert die Fertigstellung eines Heftes?
- KW: Danke für die Blumen. Ich beauftrage einfach eine Werbeagentur … harharhar. Nein, das Layout ist DIY und hauptsächlich mein bescheidenes Werk, die Zeichnungen und verschiedene Texte kommen von befreundeten Neonihilisten. Es dauert zwischen zwei und 24 Monaten, ein Heft zu produzieren.
- AD: Auf deiner ebenfalls ziemlich professionell wirkenden Website gibt es im Shop jede Menge AntiEverything-Devotionalien zu kaufen: T-Shirts, Aufnäher, Jacken und anderes. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass mit AntiEverything die Revolte zu einer Marke gemacht wird – „styled & ready to riot“, wie es auf deiner Website heißt. Das Heft wäre dann gewissermaßen ein ziemlich originelles und aufwendiges Marketing-Element, das die Revolte als Lifestyle propagiert und die passenden Helden, die Pop-Stars der Revolte, als Trendsetter liefert.
- KW: So kann man das sehen. AntiEverything ist eine Art All-inclusive-Angebot in Sachen Aufruhr und Rebellion, das ständig wächst. Die vom AntiEverything inspirierte und beständig vorwärts getriebene Revolution wäre demnach lediglich ein Nebenprodukt des Devotionalienhandels.
- AD: À propos originelles Marketing – es gibt unter nomoreantieverything.blogsport.de ein „Anti-AntiEverything“-Blog, das sich für ein Verbot deines Zines und deines Vertriebs stark macht. Ich bin mir seeehr sicher, dass auch hinter diesem Blog du selbst steckst und dass sich dieses Blog damit als wirklich einfallsreiche Komponente in dein Marketing-Konzept für AntiEverything einfügt – oder aber in dein Gesamtkunstwerk. Auch in diesem Blog stoßen wir wieder auf die ironische Übersteigerung und Brechung, wenn z.B. im Blog eine Vereinigung von Müttern fordert, dass der Staat ihre Kinder vor AntiEverything schützen müsse. Hältst du hier unserer zunehmend hysterischen Medienwelt bewußt den Spiegel vor? Oder weist du solche pädagogischen Bestrebungen von dir? Und wie sieht es jenseits dieses persiflierenden Anti-Blogs aus: hast du mit AntiEverything Gegenwind im echten Leben?
- KW: Die Kampagne ist als natürlicher Gegenspieler der StylePolice Teil des AntiEverything-Universums. Insgesamt können wir feststellen, dass beim AntiEverything mehr Fragen gestellt als beantwortet beantworten. „Nicht aufs Wort glauben, aufs strengste prüfen“, sagte schon Lenin und damit hat er den Anspruch des AntiEverything bereits damals gut auf den Punkt gebracht. Heute wäre er sicher einer unserer Leser.
Dazu sollte ich wohl auch noch erwähnen, dass die Texte der besagten Blogs fast alle geklaut sind. Es handelt sich um Artikel (oder Teile davon) aus dem Netz, die durch das Austauschen einzelner Wörter einfach auf das AntiEverything übertragen werden. Die Mütterinitiative bspw. speist sich meist aus Texten christlich-fundamentalistischer Moralapostel, die Gruppe „Stop the hatred“ hingegen aus Antifatexten.
Ganz bestimmt gibt es auch in der wirklichen Welt Leute, denen das AntiEverything nicht schmeckt – aber damit kann ich leben und alle anderen Beteiligten wohl auch. Bisher hat sich noch keiner gemeldet, vielleicht aus Angst vor der StylePolice. - AD: Gibt es etwas, wofür AntiEverything trotz des Namens und des starken Bezugs zum Nihilismus steht?
- KW: AntiEverything steht für radikale Coolness als politische Widerstandsstrategie für eine neue Zeit. Das ist doch ein positives Motto! Was wir wollen, ist mehr als dramatisiertes Parteiprogramm. Uns schwebt als Ideal eine tiefe Vermählung des Geistes der heroischen Lebensauffassung mit den ewigen Gesetzen der Kunst vor. Und jetzt kommst Du… !
- AD: Den Hauptteil der aktuellen Ausgabe nimmt ein – übrigens hervorragend erzählter und spannender – Roman ein …
- KW: Danke. Ich merke, Du kennst Dich aus.
- AD: …, der im Berlin der nahen Zukunft spielt. Von der mosaikartigen Erzähltechnik, den Charakteren und derThematik her erinnert der Roman mich an die Werke von William Gibson, John Brunner und anderen mit dem Label „Cyberpunk“ etikettierten Schriftstellern. Auch an das Rollenspiel „Shadowrun“ oder die erste (und einzige?) „Cyberpunk“-Fernsehserie „Max Headroom“ mußte ich denken. Sind das Einflüsse? Oder liege ich völlig daneben (z.B. weil du erst 25 bist und von dieser „Cyberpunk“-Welle gar nichts mitbekommen hast)?
- KW: Das sind tatsächlich Einflüsse, bzw. Leute, von denen ich ganz einfach abschreibe. Viele Passagen in Glory White Trash sind direkt von Gibson übernommen und nur leicht angepasst. Sie haben die Passagen von Stewart Home verdrängt, von dem ich früher geklaut habe.
Max Headroom war eine klasse Serie und ist damals leider vollkommen unterbewertet worden, falls ich das anmerken darf. - AD: Was das AntiEverything unter anderem so interessant macht, das ist das Fehlen einer Auflösung, einer Leseanleitung. Das liegt daran, dass der redaktionelle Teil des Heftes (aber auch das z.B. das Blog auf deiner Website) sich in Wortwahl und Thematik in die im fiktionalen Teil geschaffene Welt einfügt. Im Vorwort etwa mischst du sehr realistische Alltagsschilderungen (deine Hassgefühle beim Einkaufen) mit martialischer Endzeitrhetorik und geradezu Castro'schem Pathos, die eben wieder in deine Romanwelt hineinreichen. In deinen sehr lesenswerten Reisebericht von den Philippinen mischst du ähnliche Anspielungen hinein, wie etwa dass dich ein geheimer Spezialauftrag der „Style Police“, des „bewaffneten Arms von AntiEverything“, nach Manila führe. Man ist sich nie sicher, ob und inwieweit bestimmte Äußerungen ernstgemeint sind, ob alles ein Scherz ist, ein großer „Rock'n'Roll Swindle“ oder aber ein Gesamtkunstwerk. Kannst und willst du uns da ein wenig auf die Sprünge helfen?
- KW: Bei der im AntiEverything dargelegten Weltanschauung handelt es sich um ein umfassendes System, das den Neonihilisten in allen Bereichen des Lebens begleitet. Die Lehre des AntiEverything ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren lässt. Das ist doch einleuchtend, oder? Nächste Frage, bitte.
- AD: Du erwähnst im AntiEverything oft die „Lumpenproletarier“, die in der modernen Gesellschaft als einzige mögliche Träger eines Umsturzes in Frage kämen. Die „Lumpenproletarier“ sind sozusagen die Guten, denen Nazis, dekadente Lifestyle-Kommunisten, korrupte Wirtschaftsbosse, Mediennutten und natürlich der staatliche Sicherheitsapparat gegenüberstehen. Gleichzeitig fällt aber auf, dass Case und Natascha, die beiden Helden, nicht allzu „lumpenproletarisch“ daherkommen. Sie sind gesund, gutaussehend, fit, gutgekleidet, gebildet. Natascha hat offenbar auch eine berufliche Laufbahn in Geheimdiensten und der organisierten Kriminalität hinter sich. Ist das nicht ein Widerspruch? Warum sind die Helden so smart? Sind sie nicht ebensolche egozentrischen und elitären Kotzbrocken wie die, gegen die sie kämpfen?
- KW: Ich würde die beiden nicht als Kotzbrocken bezeichnen. Egozentrisch und etwas elitär veranlagt sind sie vielleicht, aber nicht zu sehr. Nataschas Vergangenheit steht eh auf einem anderen Blatt, vielleicht weiß William Gibson mehr darüber, schließlich ist sie ein Abklatsch von „Molly“ aus der berühmten Cyberpunk-Trilogie.
Natürlich sind die beiden sexy, fit und gebildet – sie sind schließlich Helden in einem Groschenroman. Wenn Du komplex entwickelte Charaktere und schlaue Sozialkritik willst, lies Grass oder Böll. Ich schreibe Schund.
Der Begriff „Lumpenproletarier“ stammt aus dem Marxismus und war als Schimpfwort gedacht für Angehörige der Unterschicht ohne Klassenbewusstsein und Bedürfnis nach werterzeugender Arbeit. Mao Tse-Tung verkehrte Marx’ Argumentation und sagte: „Die Lumpen und die Asozialen wurden von der Gesellschaft immer verschmäht, aber diese sind bei der Revolution in den ländlichen Gebieten die tapfersten, standhaftesten und die, die am kräftigsten vorangehen.“ Der Berliner CDU-Politiker und Wirtschaftskriminelle Klaus Landowsky benutzte den Begriff in einer viel beachteten Rede als Ausdruck für autonome Krawallmacher. Das AntiEverything hält sich im Wesentlichen an Landowskys Definition, besetzt sie aber positiv im Sinne Maos.
Mit hässlicher Kleidung hat das Selbstverständnis des neonihilistischen Lumpenproletariers nichts zu tun, wie man schon an dem Ausdruck „gut gekleidete Lumpenproletarier“ (Glory White Trash, Folge 1) erkennen kann. „Meerkatzen“ sind ja auch keine Katzen, die im Meer leben, oder? - AD: Die nihilistische Grundhaltung, die deine Texte vermitteln, und ihre martialische Rhetorik erinnern zusammen mit dem elitären Selbstverständnis des AntiEverything und seiner Romanhelden an den Film „Fight Club“. Auch dort erheben sich ja „freie Männer“ über den unwissenden und spießigen Pöbel, über die „Ikea-Boys“, und bilden eine Geheimgesellschaft, die gegen alles mögliche steht, aber nicht für etwas. Roger Ebert, einer der bekanntesten US-Filmkritiker, bezeichnet dies recht treffend als „macho porn“ und schreibt in Bezug auf Tyler Durden, den Gründer des „Fight Club“: „In my opinion, he has no useful truths. He's a bully – Werner Erhard plus S&M, a leather club operator without the decor. None of the Fight Club members grows stronger or freer because of their membership; they're reduced to pathetic cultists.“ Kann man diese Kritik nicht auch gegen das AntiEverything richten? Und selbst wenn man die ironischen Brechungen berücksichtigt, mit denen du arbeitest, könnte man mit Ebert argumentieren: „Although sophisticates will be able to rationalize the movie as an argument against the behaviour it shows, my guess is that audience will like the behaviour but not the argument.“?
- KW: Es ist wohl kaum eine bahnbrechende Erkenntnis, dass Tyler Durden keine „nützlichen Wahrheiten“ hat, trotzdem ist er ziemlich geil drauf und die Mädels stehen auf ihn. An dieser Stelle sind ihm die Figuren von Glory White Trash durchaus ähnlich: Sie dreschen radikale Phrasen, die obendrein nicht einmal neu sind. Ebenso wie die FightClub-Demagogen führen sie ihre eigenen Ideale ad absurdum, wenn sie zum stumpfen „Mitmachen“, zur Unterordnung unter eine Sache aufrufen und sich selbst einen elitären Anstrich geben. Die Botschaft des gesamten Kontextes sollte klar sein: Es ist eine Tirade wider die oberflächliche, konsumgeile, verführbare Masse. Wider das willenlose Mitmachen. Bekanntlich ist diese Art Gesellschaftskritik so unerhört, dass sich AntiEverything nach wie vor auf ganz schmalem Grat bewegt und Gefahr läuft, missverstanden zu werden.
- AD: Das Thema „Gewalt“ ist im AntiEverything sehr präsent. Zufälligerweise erschien die aktuelle Ausgabe kurz nach dem G8-Gipfel in Heiligendamm und der damit verbundenen Diskussion um gewalttätige Demonstranten und unangemessene Aktionen der Sicherheitsbehörden. Wie beurteilst du Gewalt? Gibt es legitime Gewalt?
- KW: Wir müssen uns darüber klar sein, dass es zweierlei Arten der Auseinandersetzungen gibt: die mit Hilfe der Vernunft und die mit Gewalt. Die erstere entspricht dem Menschen, die letztere den Tieren. Da die erste oft nicht zum Ziele führt, ist es nötig, hin und wieder zur zweiten zu greifen. Siegen wird der, der weiß, wann er mit Gewalt kämpfen muss und wann nicht.
- AD: Wird es eigentlich deinen Roman („Glory White Trash“), der ja in den kommenden Ausgaben deines Heftes weiter Stück für Stück veröffentlicht wird, komplett in gebundener Form geben, also als Buch?
- KW: Vielleicht.
- AD: Danke, dass du dir die Zeit genommen hast und auch vor den kritischen/provokanten Fragen nicht zurückgeschreckt bist. Hast du noch etwas, das du loswerden willst?
- KW: Provokation ist mein zweiter Vorname, kein Problem. Was ich noch loswerden will, ist auf www.nihilistjustice.de im Shop erhältlich. Danke.