Fragen an Andreas Schwenke
Die fanzine-index.de-Fragestunde, Dezember 2008
Andreas Schwenke gibt das Comic-Fanzine „MOSA.X“ heraus. Es widmet sich den seit 1955 erscheinenden „Mosaik“-Comics, die in der damaligen DDR schnell zur vermutlich beliebtesten Publikation wurden. Heute sind die „Mosaiks“ laut Wikipedia die älteste und auflagenstärkste noch erscheinende Comic-Reihe deutscher Produktion.
(Hinweis: Alle Rechte an diesem Interview liegen bei Andreas Dölling [AD] und Andreas Schwenke [AS])
- AD: Viele unserer Leser werden die „Mosaik“-Hefte nicht kennen. Kannst du daher zunächst einmal ganz kurz erzählen, was die „Mosaiks“ eigentlich sind und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt haben?
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AS: Das MOSAIK wurde 1955 in Berlin, als Pendant zu westlichen Comics gegründet. In der DDR lief es unter dem Namen „Bilderzeitschrift“. Das erste Heft erschien im Dezember 1955. Bis 1975 erschienen sie unter der Regie von Hannes Hegen. Die Haupthelden waren die „Digedags“. Zwei Hefte (Nummer 3 und 5) waren ähnlich den Disney-Publikationenen gestaltet. Nach Unstimmigkeiten Hegens mit dem Verlag wurde ab 1976 das Mosaik mit neuen Figuren, den „Abrafaxen“, fortgesetzt. Mit diesen drei Haupthelden erscheint es bis zum heutigen Tag. Die Abrafaxe wurden von bisherigen eigenen Mitarbeitern Hegens entworfen und entsprechen im Aussehen und vielen anderen Dingen ihren Vorläufern, den Digedags. Mit einer Plagiatsklage konnte sich Hannes Hegen jedoch nicht durchsetzen, und auch die unruhigen Zeiten nach der Wende hat Mosaik überstanden.
Das Mosaik erzählt die Abenteuer der drei Hauptprotagonisten in lustiger Form, vermittelt Wissen an den Leser gewürzt mit einer Prise Humor. - AD: Das Fanzine „MOSA.X“ ist die Zeitschrift des gleichnamigen Dresdner „Mosaik“-Fanclubs. Ist das Heft damit eher etwas für Insider? Oder wollt ihr über das Fanzine die „Mosaik“-Hefte bekannter machen, also bewusst auch „Nicht-Eingeweihte“ ansprechen?
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AS: Das Spektrum der Leser unserer Zeitschrift ist sehr groß, es geht von Insidern bis zu einfach neugierigen sogenannten Nichteingeweihten und Neueinsteigern. Wir versuchen in unserer Fanzeitschrift einfach „ein bisschen mehr zum Thema Mosaik zu bieten“ mit Hintergrundwissen, alten und neuen bekannten Dingen, Sekundärem und anderen mehr oder weniger bekannten Zusammenhängen dazu, weiterhin Fancomics und –zeichnungen sowie ein wenig Spaß dazu. Aber die Thematik schließt auch andere Comicbereiche ein, wie z.B. DDR-Comics, und wir veröffentlichen auch Arbeiten anderer Comiczeichner wie Schwarwel (Grafiker der Band „Die Ärzte“, Schweinevogel) und der Dresdner Comicbrigade. Dies kann auch für verschiedene Zielgruppen interessant sein. Nichteingeweihte Mosaik- und Comicleser können durch uns zum Insider werden und Insider dazulernen oder neues erfahren.
- AD: Habt ihr denn näheren Kontakt zum „Steinchen für Steinchen“-Verlag, der die „Mosaik“-Hefte heute herausbringt? Oder arbeitet ihr vielleicht sogar mit dem Verlag zusammen?
- AS: Wir haben einen guten Kontakt zum „Steinchen für Steinchen“-Verlag, dem Herausgeber des Mosaiks der Abrafaxe, aber auch zum Tessloff-Verlag, der die Nachdrucke der Digedags in Form von Reprintmappen und Büchern herausgibt. Natürlich machen wir mit unseren Projekten meist eine nicht zu unterschätzende indirekte Werbung für die Verlage, aber die ist ja auch von uns gewollt, da wir unseren Lieblingscomic Mosaik gern unterstützen wollen.
- AD: Ist es schon vorgekommen, dass der eine oder andere „Mosaik“-Fan aus eurem Verein aus dem Hobby einen Beruf gemacht hat? Ich frage, weil ihr ja schon einige sehr, sehr gute Zeichner unter euch zu haben scheint.
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AS: Es gibt einige gute Zeichner aus dem Bereich der Mosaikleser und Fans, die heute professionell im Comic- oder Illustratorenbereich arbeiten. Es ist auch oftmals so gewesen, dass richtige Zeichner des Mosaiks im „Steinchen für Steinchen“-Verlag ursprünglich als Fanzeichner bei verschieden Mosaikclubs angefangen hatten. Bei den Zeichnern, die wir für unsere Projekte gewinnen konnten, handelt sich auch oftmals um ehemalige oder noch aktive Mosaikleser bzw. Fans. Dazu gehören z.B. Jan Suski, Schwarwel und die Dresdner Comicbrigade mit Mamei (Marian Meinhardt-Schönfeld), Ivo Kircheis und Andreas Wehrheim.
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AD: Ein bestimmendes Thema der „Mosaiks“, vor allem seit Beginn der Epoche der Abrafaxe (der drei aktuellen Hauptakteure), ist die Geschichte. Zu Beginn bewegten sich die Abrafaxe zusammen mit zeitlich und regional passenden „Spaßmachern“ quer durch die Jahrhunderte: mit Harlekin gab es die Republik Venedig, deren dalmatinische Provinzen und das Osmanische Reich zu entdecken; mit Hans Wurst ging es quer durch die Länder der Habsburgischen Donaumonarchie; mit Pierrot erlebten sie Frankreich am Vorabend der Revolution; mit Don Quijote ging es per Zeitsprung direkt ab ins Mittelalter und mitten hinein in einen Kreuzzug; und später traf man auf Hodscha Nasreddin, einen anatolischen Schalk und Volkshelden.
Das war nicht nur unterhaltsam und spannend, sondern tatsächlich auch lehrreich. Ist die Geschichte denn auch heute noch der rote Faden, der sich durch alle Abenteuer der Abrafaxe zieht? Oder haben sich die Autoren mittlerweile von diesem Muster gelöst? - AS: Das Konzept des Mosaiks ist immer das gleiche geblieben, und das hat sich bewährt. Der rote Faden zieht sich dabei durch eine Serie über mehre Hefte. Bei den neueren Serien hatten manchmal einige Leser den Eindruck, dass dieser rote Faden ein wenig verloren gegangen ist, doch die Einschätzung ist relativ subjektiv.
- AD: Was ist denn deine Lieblingsepisode oder dein Lieblingsalbum? Mir selbst gefallen ja die Hefte der Habsburger-Reihe am besten, also die mit Hans Wurst und Ludas Matyi.
- AS: Beim Mosaik der Abrafaxe ist für mich die Östereich-Ungarn-Serie durchaus auch einer Höhepunkte, bei den neueren Veröffentlichungen ist die Ägypten-Serie eine der am besten gelungenen. Bei den Mosaik-Alben gehört „Congo“ von Thorsten Kiecker zu meinen Favoriten. Der Tiefpunkt des Mosaik war mich und auch für viele Fans die Orang-Laut-Serie (1988), dies war zeichnerisch und handlungsmäßig nicht sonderlich gut. Bei dem Mosaik von Hannes Hegen (Digedags) war die Amerika-Reihe eine der besten Serien.
- AD: Mittlerweile werden für alte „Mosaik“-Hefte und erst recht für komplette Sammlungen in Tauschbörsen und auf Comic-Messen stattliche Geldsummen geboten – was macht deiner Meinung nach die Faszination der „Mosaiks“ aus?
- AS: Nach wie vor die abwechslungsreiche Unterhaltung des Mosaiks, die grafische Gestaltung – wer einmal vom Virus des Mosaiks befallen ist, will dann irgendwann alles komplett dazu haben, auch seltene ältere Hefte und andere Raritäten.
- AD: Obwohl die „Mosaiks“ in den östlichen Bundesländern noch immer viele Fans haben und inzwischen auch moderner, zum Teil mit leichter Manga-Anmutung, daherkommen, sind sie im Westen nach wie vor so gut wie unbekannt. Was meinst du, woran das liegen könnte? Gibt es dafür inhaltliche Gründe? Oder liegt es vielleicht daran, dass es Comics in Deutschland allgemein sehr schwer haben und kaum etwas jenseits von „Asterix“ oder den Disney-Produkten überhaupt größere Beachtung findet?
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AS: Im Osten Deutschlands spielt für den Zuspruch natürlich die gegebene Tradition durch Elternhaus und Verwandtschaft eine große Rolle. Im Westen hat es das Mosaik bedeutend schwerer, Fuß zu fassen. Fakt ist aber auch, dass es der Comic in Deutschland allgemein sehr schwer hat, oftmals geht es im Westen bekannteren Comics wie z.B. Asterix nicht viel besser.
- AD: Man könnte auch mutmaßen, dass im Westen so mancher skeptisch ist bezüglich der Inhalte der „Mosaiks“ während der DDR-Zeit. Aber abgesehen davon, dass die Autoren ja spätestens seit der Wende ohne politische Vorgaben arbeiten können, habe ich nicht den Eindruck, dass die Hefte früher durch die Regierung als politisches Sprachrohr missbraucht wurden. Dass politische Botschaften vermittelt wurden, lässt sich auf der anderen Seite auch nicht von der Hand weisen – allerdings bewegte sich das doch eher auf dem Niveau allgemeiner Forderungen, etwa nach Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung jeder Art. Wie siehst du das? Waren die „Mosaiks“ vielleicht doch systemnäher? Oder hat man es in der Redaktion geschafft, sich Freiräume zu schaffen?
- AS: Der Anspruch des Mosaiks, den sich auch sein Gründer Hannes Hegen auf die Fahne geschrieben hatte, war von Anfang unpolitisch. Allerdings versuchten die gesellschaftlichen Kräfte immer wieder je nach der aktuellen Tagespolitik Einfluss auf das Mosaik und demzufolge auch auf die Handlung zu nehmen. Um Mosaik zu retten, wurde an sicher an einen oder anderen Stelle ein Eingeständnis gemacht, das beim genauen Lesen noch erkennbar ist. Jedoch hat man es doch im groben Ganzen geschafft, sich nicht instrumentalisieren zu lassen, und das Mosaik blieb im Gegensatz zu anderen Comiczeitschriften in der DDR neutral und politikfrei.
- AD: Mir fällt ein, dass ich ein einziges Mal in einer westdeutschen Zeitschrift etwas über die „Mosaiks“ gelesen habe, nämlich in der von mir sehr geschätzten „Titanic“. Dort äußerte man sich allerdings vor Jahren eher abschätzig zu den „Mosaiks“ und bescheinigte ihnen Verklemmtheit und den Hauptakteuren, dass sie zu geschlechtslos seien. Was sagst du zu dieser Kritik? Gerade auch im Vergleich zu Tim und Kapitän Haddock, Donald Duck und Co, Lucky Luke oder Asterix und Obelix?
- AS: Nun, die Geschmäcker sind verschieden. Nicht in jeden Fall werden sich alle Kritiken nachvollziehen lassen, die es auch genauso in umgedrehter Richtung gibt. Das Mosaik selber hat auch mehrmals verschiedene Entwicklungen durchlaufen, so dass eine Gesamtbeurteilung schwer möglich ist und verschiedene Kritiken sich eher nur auf einzelne Abschnitte und Serien im Mosaik anwenden lassen.
- AD: À propos „geschlechtslos“ und „bieder“: irgendwo hatte ich letztens von einem „Mosaik“-Pinup-Kalender gelesen, einem Kalender, in welchem ein Zeichner bekannte weibliche Akteure der verschiedenen „Mosaik“-Abenteuer in lasziver Pose und leichtbekleidet darstellt. Eine schöne Idee. Gibt es diesen Kalender für das kommende Jahr oder habe ich da irgendeine Uralt-Meldung gelesen? Und gibt es auch eine Version des Kalenders mit männlichen „Mosaik“-Models?
- AS: Der Mosaik-Pinup-Kalender, von Jan Suski gezeichnet, war eine großartige Sache. Leider haben die dafür in Frage kommenden ambitionierten Zeichner nicht ausreichend Zeit dafür, so dass wir in nächster Zeit vorerst an keine Wiederholung denken können. Dies betrifft demzufolge auch eine mögliche männliche Version des Kalenders.
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AD: Wie steht es denn überhaupt um die Frauen in der „Mosaik“-Welt? Die meisten der bekannteren Comics sind ja schon recht männlich geprägt. In den „Mosaik“-Heften gab es zwar immer wieder selbstbewusste weibliche Figuren, die aktiv in die Handlung eingriffen (Angela, Erzsebet, Fanny), aber insgesamt waren doch auch die „Mosaiks“ eher männlich, oder? Wie ist das heute? Es gibt ja mittlerweile zum Beispiel ein weibliches Gegenstück zu den Abrafaxen: Anna, Bella und Caramella. Sind das die Quoten-Heldinnen? Oder haben die ein richtig eigenes Profil und spielen mehr als eine Nebenrolle im Verlagsprogramm?
- AS: Vom althergebrachten Fan wird diese ganze Sache sehr skeptisch gesehen, und auch die Fanszene ist darüber sehr gespalten. Die neuen weiblichen Mosaikhelden Anna, Bella und Caramella sind ein Versuch des Verlages, eine neue Zielgruppe zu erschließen, um eben nicht nur eher männliche Leser anzusprechen. Ob das neue Mädchen-Mosaik diesem Anspruch gerecht wird und wie sich das ganze Projekt weiterentwickelt, kann man nach einen Heft zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht richtig beurteilen.
- AD: Was kannst denn den Leuten, die gerne mehr über die „Mosaik“-Hefte wissen möchten, für Literatur- und Linktipps geben?
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AS: Zum Thema Mosaik gibt es mittlerweile relativ viel Literatur. Angefangen von den Büchern des Literaturwissenschaftlers Thomas Kramer bis zu entsprechenden Fanpublikationen.
- Dr. Thomas Kramer: „Mosaik-Fanbuch“ I und II, „Akim, Tim und Digedag – Motive deutscher und belgischer Comics im MOSAIK“, „Micky, Marx und Manitu. Zeit- und Kulturgeschichte im Spiegel eines DDR-Comics 1955–1990.“
- Gerd Lettkemann / Michael F. Scholz: „Schuldig ist schließlich jeder... Comics in der DDR – Die Geschichte eines ungeliebten Mediums (1945/49–1990)“, MOSAIK „Steinchen für Steinchen“-Verlag 1994
- Reinhard Pfeiffer: „Digedag-Universum“
- Sabine Fiedler: „Sprachspiele im Comic. Das Profil der deutschen Comic-Zeitschrift MOSAIK“, Leipziger Universitätsverlag 2003
- Matthias Friske: „Die Geschichte des Mosaik von Hannes Hegen – Eine Comic-Legende in der DDR“, Lukasverlag
- Henry Böhm: „Ein Rittersmann von Schrot und Korn. Die Geschichte des Rübensteiners“, Eulenspiegel Verlag 1995
- Sven-Roger Schulz: „Im Schatten des Schwarzen Korsaren. Die Geschichten des Emilio Salgari als mögliche Quelle für das »MOSAIK« von Hannes Hegen“, Berlin 2008
- Reiner Grünberg, Ingo Schubert, Michael Hebestreit: „MOSAIK-Katalog Digedags“ (5. Auflage), Eigenverlag 2003
- Sven Ignor, Christian Wagner: „Abrafaxe-Katalog“, Eigenverlag 2005
- Die DIGEDAGS (zu den DIgedags aus dem Tessloff Verlag – mit Leseproben aus den Sammelbänden, Hörproben aus dem Ritter-Runkel-Hörbuch und Bestellmöglichkeiten
- Die ABRAFAXE (die offizielle Homepage des MOSAIK-Verlages mit Verzeichnis der bisher erschienenen Hefte, Sammelbände und Alben, Online-Bestellmöglichkeit und aktuellen Neuigkeiten
- Anna, Bella & Caramella (der Blog zur neuen Heftreihe aus dem MOSAIK „Steinchen für Steinchen“-Verlag: die Abenteuer von Anna, Bella & Caramella, auch als Mädchen-MOSAIK bezeichnett)
Auf den Seiten von Helmut Müller findet sich eine allumfassende Datensammlung zum Mosaik, auch mit einer großen Linkliste dazu.
Desweiteren wären natürlich noch die Fanclubs nennen:- BMC, Berliner MOSAIK Connection, Mainzer Str. 24, 10247 Berlin
- Alex, Mosaik-Club Leipzig, Thomas Wilde, Richard-Lehmann-Str. 45, 04275 Leipzig
- MIR, MOSAIK-Initiative Rostock, Michael Klamp, August-Bebel-Str. 32d, 18055 Rostock
- AD: Danke, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast! Möchtest du vielleicht noch etwas loswerden?
- AS: Ich bedanke mich ebenfalls und möchte bei der Gelegenheit all unsere Leser, Helfer und Unterstützer herzlichst grüßen.