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Fragen an Calin Kruse

Die fanzine-index.de-Fragestunde, Februar 2009

Zur ersten Fragestunde im Jahr 2009 habe ich Calin Kruse eingeladen und damit einen echten Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Calin gibt mit „dienacht“ und „rough“ nicht nur zwei Fanzines heraus, sondern organisiert Ausstellungen, ist auf Messen präsent, schreibt an einem Buch und studiert ganz nebenbei auch noch.

AD: Du machst so viele so interessante und beeindruckende Sachen, dass die fanzine-index.de-Fragestunde gar nicht ausreicht, um alles gebührend zu würdigen und zu beleuchten. Gerade dein Fanzine „dienacht“ ist schon wirklich umwerfend, optisch und inhaltlich. Sind Artzines für dich wirklich nur ein Steckenpferd oder vermischen sich da Beruf (bzw. Studium) und Hobby? Was studierst du und wo geht’s dann beruflich hin?
CK: Im Moment studiere ich Graphic-Design, ich mache aber Diplom, und bis zum Erscheinen des Interviews sollte ich das schon abgegeben haben.
Magazine zu machen ist schon mehr als nur Hobby (das Wort passt irgendwie auch nicht dazu, weil man ein Hobby nach Lust und Laune macht). Es macht mir einfach auch beruflich am meisten Freude, mich mit Sachen auseinanderzusetzen, die man hinterher in den Händen halten kann.
Im Moment arbeite ich nebenbei, für ein paar Tage im Monat, in einer Designagentur und mache auch nebenbei eigene kleinere Aufträge, ich hoffe, daran wird sich auch nichts ändern müssen. Ein 8-Stunden-Tag in einem Büro ist nichts für mich, ich habe das bei einem 6-monatigen Praktikum gemerkt. Vor allem, weil ich eine kleine Tochter habe (knapp ein Jahr alt), und so ein Alltag würde bedeuten, dass ich sie nur noch am Wochenende sehen würde.
AD: Fangen wir mal bei deinem Magazin „rough“ an, das es schon seit 2006 und damit ein Jahr länger gibt als „dienacht“. Bei diesem Heft scheint der Name Programm zu sein: es ist handgemacht, zum Teil handgeschrieben und in dem Sinne roh, dass man sozusagen die „Konstruktion“ sieht. Wie ist „rough“ entstanden? Und ist das Herstellungs- und Layout-Konzept nur die originelle Hülle oder hat es damit mehr auf sich?
CK: „rough“ habe ich aus Lust, etwas zu machen, mit einer Bekannten angefangen. Wir haben dann ein paar Seiten dafür gemacht, ohne uns abgesprochen zu haben, wer was reinmacht. Das ist die Hauptidee: dass man macht, wozu man Lust hat, dass man sich austobt, ohne zu schauen, ob irgendwas dazu „passt“ oder nicht. Ein rough nennt man im Designstudium auch eine schnelle Skizze, eine Vorstufe eines Layouts. Es geht darum, alles, was in einem drin ist, auf Papier zu bringen, und nicht zu schauen, dass es „schön“ aussieht. Die Hülle darf schon liebevoll aussehen, aber nur dann, wenn man sich nicht dazu zwingt, es liebevoll zu machen. Es klingt jetzt alles furchtbar theoretisch, aber wir haben eigentlich nur gesagt: „mach was, wozu du Lust hast“. Und dann haben wir uns zum Fotokopieren getroffen und haben auch nicht darüber geredet, wer was warum gemacht hat. Es gibt auch nichts dazu zu sagen.
Wir haben auch abgemacht, dass wir nur bei dieser einen Ausgabe zusammen was machen. Die zweite Ausgabe habe ich mit jemand anderem gemacht, die dritte wieder mit jemand anderem.
Ein Herstellungs- und Layout-Konzept gibt es nicht. „rough“ sieht jedes Mal anders aus. Das Aussehen entsteht durch die Experimentierfreude mit Papier und verschiedenen Bindungen.
AD: Offenbar ist ja jedes einzelne „rough“-Exemplar ein Unikat. Das Titelblatt der Ausgabe 3, die ich gerade in den Händen halte, ist zum Beispiel von Hand beklebt und bemalt. Es muss doch ein Riesenaufwand sein, eine größere Menge solcher Hefte herzustellen. Hast du Helfer? In der Ausgabe 3 meine ich verschiedene Handschriften erkennen zu können. Und ist das Heft mit 80 Cent nicht viel zu günstig bei so viel Handarbeit?
CK: Zum Glück gibt es nur 50 Stück von jeder Ausgabe. :) Es gibt keine Helfer, wir machen das immer zu zweit – die Person, die mitmacht, und ich. Auch bei Ausgabe drei hat eine einzige Person die Texte geschrieben. Diese Ausgabe war ein bisschen eine Ausnahme, da ich nur Fotos reingebracht habe, meine Freundin hat nur Texte geschrieben. Bis jetzt gab es eine Mischung aus Zeichnungen, Fotografie, Schrift, usw., und man weiß auch nicht, wer was gemacht hat.
Vielleicht scheint „rough“ mit 80 Cent zu günstig zu sein, das ist aber in etwa der Betrag, den wir fürs Kopieren und das Material einer Ausgabe ausgeben. Das war auch die Idee, dass man die Arbeit nicht mit einberechnet, weil es nicht darum geht, Geld damit zu verdienen. Das ist auch das, was ich vorhin schon meinte: das Wichtigste an „rough“ ist das Machen, das „Ausschütteln“ von dem Ganzen, was einem durch den Kopf schwirrt. Anders als bei „dienacht“ muss ich kein Geld einnehmen, um die nächste Ausgabe finanzieren zu können.
Das ist eigentlich das Anliegen der Zines, dass man etwas zum Selbstkostenpreis macht. Ich wusste aber, bis kurz bevor wir die Ausgabe 2 gemacht haben, überhaupt nichts von Fanzines, ich kannte auch das Wort nicht. Mir war die „Szene“ komplett unbekannt, ich habe erst davon erfahren, als ich ein bisschen recherchiert habe, ob auch andere Leute so etwas machen, und ganz am Anfang meiner Recherche bin ich auf fanzine-index.de gestossen. „rough“ war also auch ganz losgelöst von dem, was ich heute Artzine nenne. Damals hatte ich es „Magazin, nur ein bisschen kleiner und fotokopiert“ genannt.
AD: Wie kommt es denn überhaupt, dass du zwei Fanzines herausgibst? Sie sind ja sehr unterschiedlich – „rough“ scheint intimer und verrätselter zu sein, während „dienacht“ extrem professionell, aber auch kühler wirkt. Könntest du auf eines der beiden Hefte verzichten?
CK: Ja, das stimmt, „rough“ ist persönlicher. Ein Magazin wie „dienacht“ wollte ich schon lange machen, noch bevor ich mit „rough“ angefangen habe, das Geld hat mir aber gefehlt. Und das Know-how.
Die zwei haben nichts miteinander zu tun, deswegen könnte ich auf keinen der beiden verzichten. „rough“ mache ich, weil ich etwas ganz ohne Computer machen will. Der Computer ist zwar mein Werkzeug, macht mich aber auf Dauer total kirre. Dagegen ist die Arbeit an „rough“, mit Papier und Stift und Fotografie (auch analog) und Schreibmaschine, mit Materialien, eine echte Freude, wie Urlaub.
„dienacht“ ist aber auch persönlich, weil alles, was darin vorkommt, mir gefällt – ich schreibe meistens die Leute an, ob sie Lust dazu haben, bestimmte Arbeiten im Magazin zu veröffentlichen. Manchmal sind auch bekannte Fotografen dabei, aber darum geht es mir nicht, sondern um die Fotografien. Und wenn man genau liest, entdeckt man auch persönliche Ausdrücke oder Worte, die man in Profimagazinen nicht unbedingt finden würde … Ich stelle auch Artzines in jeder Ausgabe vor, und inhaltlich versuche ich auch, mich nicht an eine strikte Linie zu halten. Bei „dienacht“ ist vor allem der Kontakt mit den Künstlern toll, eine echte Bereicherung! Es gab im Frühling 2008 eine große „dienacht“-Ausstellung in Mönchengladbach, mit 6 Fotografen, die im Magazin vorgestellt wurden, 4 aus Deutschland und 2 aus den Niederlanden. Bilder davon kann man als Hintergrund auf der „dienacht“-Seite oder im Blog sehen. Das war auch toll, sie mal persönlich kennenzulernen.
AD: Als ich die Ausgaben 3 und 4, die du mir von „dienacht“ zugeschickt hattest, zur Hand nahm und durchblätterte, waren meine ersten Assoziationen: schön, anspruchsvoll, horizonterweiternd. Ich bin echt beeindruckt. Erzähl doch mal etwas zu diesem Magazin.
CK: Es ging gar nicht darum, dass es ein Foto- und Designmagazin wird, sondern dass ein Magazin entsteht. Fotografie und Gestaltung finde ich aber halt am interessantesten … Es hat etwa 2 Jahre von der Idee bis zur ersten Ausgabe gedauert, und ich glaube, diese Zeit hat dem Magazin auch gut getan. Außerdem hatte ich das Geld für den Druck nicht. In der Zeit habe ich dann Fotografen und Künstler angeschrieben, die ich gut fand. Und gelernt, wie man Grafikprogramme bedient. :) Dann kam die erste Ausgabe an, und ich hatte keine Ahnung, wie ich die 770 Exemplare wieder loswerde, weil ich überhaupt keine Ahnung von der „Branche“ hatte … Die erste Ausgabe war noch etwas kleiner, die zweite wollte ich dann doppelt so groß machen, aber dann haben viele gesagt, dass sie das kleine Format so gut finden. Deswegen habe ich es nur ein bisschen vergrößert, und dabei ist es auch geblieben. Im größeren Format kommen auch die Fotografien besser rüber, das war ein bisschen ein Problem mit der ersten Ausgabe. Und die Auflage ist auf 1000 Stück gewachsen, ich finde, das ist eine gute Zahl für so ein Magazin. Das ist die Geschichte, ich weiss nicht, was ich mehr erzählen soll, ich habe schon weiter oben einiges darüber geschrieben …
AD: Du schreibst im Vorwort zur Ausgabe 3 von „dienacht“, dass du bestrebt bist, dieses Zine in die Buchhandlungen zu bringen, und dass du auch sonst sehr rührig bist, national wie international. Ist dieser Einsatz ganz einfach notwendig, um so ein edles und damit nicht ganz billiges Magazin überhaupt verkauft zu bekommen? Oder ist es dein Bestreben, früher oder später mit „dienacht“ den Sprung unter die etablierten Medien zu schaffen, vielleicht einen Verleger dafür zu finden?
CK: Ich finde, 5 Euro für „dienacht“ ist nicht viel, vor allem bei den über 120 vollfarbigen Seiten, und wenn man an die Druckkosten denkt … Und wenn man sich überlegt, dass ein Laden zwischen 30%-40% Provision einbehält, bleibt da nicht mehr viel übrig …
Es ist bestimmt gut, das Magazin in Buchhandlungen zu bekommen, allein schon weil ich die 1000 Exemplare nicht einfach so übers Internet loskriege, und irgendwo muss man die auch lagern; und der Platz bei uns zuhause wird mit jeder Ausgabe immer weniger. :) Es müssen aber nicht unbedingt Buchhandlungen sein, es gibt auch einige Läden (Klamotten- oder Plattenläden) und Galerien, die „dienacht“ verkaufen. Im Ausland ist es aber schwierig, trotz dass das Magazin zweisprachig ist. Das liegt meistens daran, dass die Portokosten so hoch sind, dass es sich gar nicht lohnen würde (und damit meine ich, dass ich mehr fürs Porto zahle, als die Magazine kosten), sie irgendwohin zu schicken. Ich glaube, das Beste ist einfach, immer ein Paar Exemplare in den Urlaub mitzunehmen und die dann direkt in die Läden zu bringen.
Ich kann mit dem Wort „etabliert“ nicht so viel anfangen, weil ich keine Ahnung habe, wieviel man verkaufen muss, um etabliert zu sein. Bei der Auflage ist es aber bestimmt nicht so leicht, sich zu etablieren. Ich bin aber froh, dass die Leute darüber reden und hin und wieder auch darüber schreiben.
Sicher wäre es toll, einen Verlag zu finden, aber nur wenn es passt. Ein Verlag nimmt einem viel organisatorische Arbeit ab und bietet vielleicht eine Vorfinanzierung, so könnte ich mehr Zeit mit dem Machen des Magazins verbringen, vielleicht auch öfters Ausstellungen organisieren oder so, und müsste mich nicht die Hälfte der Zeit mit Buchhandlungen und Rechnungenschreiben und anderem Papierkram herumschlagen. Wenn der Verlag aber versuchen würde, das Magazin zu ändern, kommerzieller zu machen, dann würde ich darauf verzichten, so viel ist es mir doch nicht wert.
AD: Obwohl „dienacht“ im Zeitschriftenregal einer Buchhandlung eine gute Figur abgeben würde, hast du offenbar kein Problem damit, es als „Fanzine“ bezeichnet und mit der Fanzine-Subkultur in Verbindung gesehen zu wissen. Ist das bewusstes Understatement? Oder siehst du „dienacht“ tatsächlich eher als Teil der Subkultur? Wäre das nicht ein Hindernis bei der Vermarktung?
CK: Ich mache mir kaum Gedanken darüber, wie ich „dienacht“ nenne. Auf dem Cover steht „Magazin“, und so wird es meistens auch wahrgenommen, ein Fanzine ist es eher für die, die wissen, was dahintersteckt. Ich glaube, für Ladenbesitzer ist es auch ziemlich egal, was es ist, solange sie „dienacht“ gut finden und sie es verkaufen wollen.
Bei „dienacht“ ist so gut wie nichts bewusst. Ich habe mal versucht, in den ersten Ausgaben ein bisschen „chic“ zu schreiben und kam mir dabei so vor, als ob ich einen Stock im Hintern gehabt hätte. Das passt nicht zu mir, und auch nicht zum Magazin. Es wäre nicht ehrlich, wenn ich dem Magazin bewusst Understatement unterjubeln würde.
AD: Ist die Unterscheidung zwischen Fanzine und Magazin überhaupt sinnvoll und von Bedeutung? Du hattest mir diese Frage ja letztens auch gestellt. Nun wüsste ich gerne deine Meinung dazu! ;)
CK: Wir hatten auch darüber gesprochen, ob Fanzines-Machen auch etwas mit Ego zu tun hat, dass man das nicht komplett uneigennützig macht. Ich glaube, es ist vor allem für die Macher wichtig, dass die anderen Leute wissen, was oder wer dahinter steckt – dass eine Person das Fanzine macht, ohne Verlag und Vertrieb, selbstfinanziert, leidenschaftlich. Dass die Meinungen und Ideen darin eher persönlich sind.
Und für den Leser ist das auch wichtig zu wissen, damit er sich damit identifizieren kann. Auch wenn man regelmäßig den Spiegel oder Focus liest, kann man sich trotzdem nicht damit identifizieren oder eine Bindung aufbauen, weil dahinter ein Heer von Unbekannten steht, das auf reißerische Geschichten und Profit aus ist. Man liest Magazine, man liebt sie aber nicht. Fanzines dagegen haben mit Leidenschaft zu tun; aber dadurch, dass Fanzines immer professioneller gemacht werden, erkennt man sie nicht sofort als solche oder sie fallen nicht unbedingt als solche auf, wenn man auf der Suche nach etwas Unabhängigem ist. Ein Fanzine kann auch einige Sachen erklären, zum Beispiel die Schreibfehler … Die machen ein Fanzine menschlicher, ein Magazin mit Fehlern dagegen wirkt unprofessionell. Deswegen glaube ich schon, dass es wichtig ist zu sagen: das ist ein Fanzine und hat nichts mit dem Mainstream zu tun (was aber nicht unbedingt bedeutet, dass es fett drauf stehen muss).
AD: Du bezeichnest „dienacht“ als Artzine. Wie definierst du diesen Begriff – ist es ganz einfach ein Fanzine oder Magazin über Kunst? Oder geht es eher um das Heft selbst, ist also ein Artzine in erster Linie selbst Kunst, egal, um welche Themen es darin geht?
CK: Ich bezeichne „dienacht“ als Fanzine oder als Magazin, nie als Artzine. Ein Artzine ist für mich so etwas wie diese Künstlerbücher, die man sich nicht leisten kann, mit dem Unterschied, dass Artzines ganz günstig zu haben sind. Sie werden von jungen Künstlern (Fotografen, Illustratoren, Zeichnern, …) gemacht und enthalten eigene Arbeiten, und dadurch werden sie einem breiterem Publikum zugänglich gemacht. Wie ein Kunstbuch, nur in kleinem Rahmen – vielleicht sogar selbstgedruckt oder irgendwie veredelt, in kleiner Auflage. Bei Künstlerbüchern geht es eher darum, Kunst (zu Kunstpreisen) an Sammler zu verkaufen. Bei den Artzines geht es darum, Kunst zugänglich zu machen, so kann jeder zum Sammler werden. Genau das finde ich das Geniale daran. Ich meine, viele davon haben eine niedrigere Auflage als Arbeiten von manchen berühmten Künstlern!
AD: Mit Artzines befassen sich nicht nur verschiedene Beiträge in „dienacht“, sondern sogar ein ganzes Buch, an dem du gerade arbeitest. Kannst du schon sagen, wann das Buch erscheint und wie es zu beziehen sein wird? Und worum genau geht es darin? Wird es eine interessante Lektüre für andere Zine-Macher sein, oder richtet es sich eher an Profis aus Wissenschaft und Wirtschaft?
CK: Das Buch ist erstmal ein Teil meiner Diplomarbeit; ich möchte aber danach noch weiter daran arbeiten und das Buch veröffentlichen. Es gibt noch einiges zu tun, bis ich das Gefühl habe, dass es fertig ist.
Es geht um diese riesige, aber unbekannte Welt der Zines. Kaum jemand „von außerhalb“ kennt das Wort „Fanzine“. Und es geht um das ganze Drumherum, um Festivals, Distros, Vertriebswege, Läden, vor allem geht es aber um Inspiration und persönliche Geschichten. Es werden viele Zines kurz oder länger vorgestellt, vor allem aber führe ich viele Interviews mit Leuten, die damit etwas zu tun haben. Es gibt generell sehr viele „Macher“-Stimmen in dem Buch (im Moment heißt es „Printed Papers“, ich weiß noch nicht, ob ich es dabei belasse). Es ist also abwechslungsreich, ich wollte keine staubtrockene wissenschaftliche Arbeit darüber schreiben. Das würde den Zines nicht gerecht werden. Am Ende des Buches gibt es einen Katalogteil, wo alle Zines, die sich anmelden, kurz mit Cover und Infos aufgelistet werden (und die etwas mit den vorgegebenen Themen zu tun haben – ich musste mich schon auf einen Bereich konzentrieren, sonst würde das Projekt kein Ende nehmen; der Bereich ist aber recht weit gefasst). Ausserdem gibt es darin viele Infos und Links zu Distros, zine-freundlichen Läden, Zine-Festivals, Büchern und vielem mehr, was mit dem Thema zu tun hat. Ein Buch, wie ich es mir als Zine-Liebhaber gewünscht hätte.
Ich denke, bis im Herbst wird’s druckfertig sein, danach, oder vielleicht schon früher, mache ich mich auf die Suche nach einem Verlag. Es gibt auch ein paar Anfragen von Distros, die es verkaufen möchten. Wer aber auf dem Laufenden sein möchte, kann mir seine E-Mail-Adresse schicken. Es gibt auch eine kleine Seite dazu, die bis spätestens Ende Februar aktualisiert wird: www.printedpapers.rammbock.com.
AD: Du hast für das Buch einen kleinen Umfragebogen ausgearbeitet und an viele Fanzine-Herausgeber geschickt. Wie groß war denn die Resonanz? Es ist ja oft schwierig, die Trägheit der Leute zu überwinden, selbst wenn es sich nur um vier, fünf Fragen handelt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich selbst den Einsendeschluss für die Umfrage verpennt habe …
CK: Die Resonanz war riesig, besser, als ich erwartet hatte. Etwa 140-150 Magazine haben sich bis jetzt angemeldet, dazu einige Festivals, Läden, Distros. Man kann sich den Fragebogen immer noch herunterladen und sein Zine anmelden, der Einsendeschluss war erstmal für die Diplomarbeit. Aber wie ich schon sagte, an dem endgültigen Buch arbeite ich noch …
AD: Auf der Website zum Buch schreibst du, dass du unter anderem nach der Motivation fragst, die hinter Magazinen in Kleinauflage steht, und versuchst, „dem Drang, etwas Unkommerzielles zu erschaffen, nachzugehen“. Das ist eine Frage, die Fanzine-Machern auch von anderen Leuten immer wieder gestellt wird: „Wieso machst du das überhaupt?“ – Bist du zu einer Erkenntnis gelangt? Vielleicht sogar zu einer überraschenden?
CK: Ich habe selbst oft die Frage gestellt bekommen … Es kommt das heraus, was ich auch geantwortet hätte: weil man Lust dazu hat. Anke Wulffen von „Balkon & Garten“ (mit ihr habe ich auch ein sehr lesenswertes Interview geführt) hat ein wunderschönes Zine gemacht, obwohl sie nichts (wie bei mir mit „rough“) von der Existenz von Zines wusste. So etwas zeigt eigentlich nur, dass es überhaupt nicht um Trends geht, wie das bei den etablierten Medien der Fall ist. Man macht Zines, weil man das möchte und kann. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass man so seine Individualität ausleben möchte, in einer Zeit, in der man das meiste als Massenware vor die Nase gesetzt oder aufgezwungen bekommt. Ich habe aber bei der Arbeit am Buch gemerkt, dass ich die Motivation gar nicht so auseinandernehmen oder analysieren möchte. Es reicht doch die Tatsache, dass man Freude daran hat.
AD: Hast du dich eigentlich nur mit in Deutschland herausgegebenen Fanzines befasst, oder ist deine Studie international ausgerichtet? So oder so hast du ja allem Anschein nach viele internationale Kontakte und kannst daher vielleicht die hiesige Fanzine-Landschaft mit der in anderen Ländern vergleichen. Erkennst du da nennenswerte Unterschiede – sowohl in Selbstverständnis und Herangehensweise der Fanzine-Macher als auch in der Rezeption ihrer Publikationen? Fanzines gedeihen in Deutschland ja in einer ziemlich abgeschlossenen Parallelwelt, die in der Öffentlichkeit so gut wie keine Rolle spielt. Ist das anderswo genauso? Ist das überhaupt schlimm? (Oha – das waren ja gleich vier Fragen auf einmal …)
CK: Das Buch beschäftigt sich mit Zines aus der ganzen Welt; ich dachte schon, dass sich die Zine-Landschaften unterscheiden, es ist aber nicht so. Sie werden nur unterschiedlich wahrgenommen. Wie du schon sagst, in Deutschland führen Zines ein Schattendasein, in England oder den USA sind sie viel verbreiteter und besser vernetzt. Vor allem England ist für mich das „Mutterland“ der Zines, dort gab es in den 70ern und 80ern ein unglaubliches Entwicklungspotenzial – es kam schon mal vor, dass ein Zine die Auflage von 50 auf 15.000 gesteigert hat, und das innerhalb kürzester Zeit. Ich glaube, in Deutschland wäre das nicht möglich. Andererseits gibt es Länder, wo die Zine-Szene völlig inexistent ist, zum Beispiel in Osteuropa. Jemand sagte mir, dort würde man das Verständnis für solchen Publikationen gar nicht aufbringen können, sie wären dort im Moment noch fehl am Platz.
Ich finde es überhaupt nicht schlimm, dass die Zines in Deutschland in einer Parallelwelt gedeihen; ich glaube, so können sie originell bleiben, sich keinen Zwängen unterordnen. Übrigens denke ich nicht, dass Anzeigen in einem Zine gleich „kommerziell“ bedeutet. Wenn Anzeigen bedeutet, dass man dadurch auf demselben Niveau wie ohne Werbung mehr Leute erreicht, weil man mehr drucken kann, ist nichts dabei. Das mit „sich dem Markt unterordnen“ ist Quatsch, die Anzeigekunden kennen das Fanzine so, wie es ist, deswegen inserieren sie darin. Blöd ist es nur, wenn die Anzeigenkunden sagen „du musst das und das ändern, dann bekommst du eine Anzeige“, und wenn man daraufhin tatsächlich etwas ändert.
AD: Muss man nicht gedopt sein, um so viele Projekte nicht nur irgendwie am Laufen zu halten, sondern auch noch mit einem hohen Anspruch zu betreiben und daneben ein Studium zu absolvieren? ;)
CK: Muss man nicht, ich schaffe es auch ohne. ;)
Ich bin halt ziemlich ruhelos, manchmal leiden meine Umgebung oder ich selbst darunter. Und das Studium ist jetzt seit Anfang Februar fertig, ich freue mich schon darauf, mehr zu fotografieren und die anderen Projekte zu machen, die in meinem Kopf herumschwirren … ;)
AD: Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast, und alles Gute für deine Diplomarbeit! Möchtest du noch etwas loswerden?
CK: Ja. Ich habe keine Ahnung, wie die Leute auf fanzine-index.de es schaffen, die Bilder ihrer Zines auf die vorgeschriebenen unter 50 kB zu bekommen (und das auch noch bei einer anständigen Größe und in Farbe). Ich scheitere ständig daran, deswegen sind meine Bilder auch so klein.

[Nachtrag von AD: Ja, das stimmt. Die 50 kB sind wirklich ein bisschen sehr knapp. Ich habe die Grenze jetzt mal hochgeschraubt. Mit der neuen Version von fanzine-index.de, die dann dieses Jahr hoffentlich doch endlich mal kommt, wird sowieso alles ein bisschen bequemer und flexibler werden – hoffe ich jedenfalls!]